Der bayerische Regisseur Mickel Rentsch präsentierte beim Kommunalen Kino Heilbronn seine Film-Doku "Marktl ist Papst!" Foto: Guido Sawatzki
Der bayerische Regisseur Mickel Rentsch präsentierte beim Kommunalen Kino Heilbronn seine Film-Doku "Marktl ist Papst!" Foto: Guido Sawatzki

Veröffentlicht am 12.10.2011 in der Heilbronner Stimme

 

Als Ethnologe unter Bayern

von Michaela Adick

 

Heilbronn - Was war das nur für eine Euphorie im Frühjahr 2005. Die Zeitung mit den großen Lettern schrie es geradezu in die Welt hinaus. "Wir sind Papst!" Regisseur Mickel Rentsch, ein an und für sich besonnener Zeitgenosse, wollte sich nicht mitreißen lassen, ertappte sich dann aber doch dabei, wie er eines Tages seine Filmkamera unter den Arm klemmte und einen Fahrschein nach Marktl am Inn löste.

Er wollte einfach festhalten, was sich in den Tagen, nachdem aus dem gestrengen Joseph Kardinal Ratzinger der deutsche Papst Benedikt XVI. geworden war, in dessen Geburtsweiler Marktl tat. Soweit der unschuldige Plan. "Ich packte meine verhauene Filmkamera ein, wie andere einen Fotoapparat mitnehmen."

Da hatte er den Salat. Die Stadt mit ihren grantelnden, geschäftstüchtigen Menschen, ein gewitzter bayrischer Menschenschlag, der auf so unnachahmlich geschmeidige Art Volksfrömmigkeit mit Kommerz zu verbinden weiß, ließ ihn nicht mehr los.

Unangemeldet Neun Mal sollte Mickel Rentsch schließlich in die 2700-Seelen-Gemeinde fahren. Unangemeldet, spontan. In anderthalb Jahren, zwischen April 2005 und September 2006, von der Wahl Benedikts bis zu dessen erstem Heimatbesuch, entstand so eine Langzeitstudie, die Rentsch nun als Gast des Kommunalen Kinos im Cinemaxx präsentierte. "Marktl ist Papst!" hat er seine Doku genannt, in der sich der Bayer Mickel Rentsch als Ethnologe unter Bayern bewegt. Nicht der Papst als solcher interessiert Rentsch, sondern das, was Filmleute wie Alfred Hitchcock einst lakonisch als MacGuffin bezeichneten: Ein Wesen, das reichlich unwesentlich für die Handlung ist, diese aber dennoch voranbringt.

Aalglatt Nein, Mickel Rentsch, dieser Mann, der seit zwei Jahrzehnten − mal mehr, öfter weniger erfolgreich − No-Budget-Filme dreht, interessierte sich dafür, was die Wahl Ratzingers in den Bürgern Marktls auslöst. Rentsch beobachtet den gespreizten Bürgermeister, den aalglatten Fremdenverkehrsbeauftragten, die harmlose Tee-Verkäuferin, die ihr Geschäft um Papst-Ramsch ergänzt. Bäcker, die Ratzingerschnitten anbieten. Pizzabäcker, die eine Pizza Benedetto ins Programm aufnehmen. Eine Pizza, die früher als höllisch scharfes Exemplar unter Pizza Diavolo lief.

Ohne die Menschen vorzuführen entsteht dabei ein Bild einer Stadt im Umbruch mit Typen, die in ihren bemerkenswert schlichten Anmerkungen nichts als die Wahrheit aussprechen: "Die Marktwirtschaft, die muss raus." Die Geister, die man gerufen hat, lassen sich nicht mehr einfangen, die Vermarktlung ist grenzenlos.

Mickel Rentsch, der gerade am Drehbuch zu seinem zweiten Spielfilm "Almost Oktoberfest" sitzt, zieht es immer noch nach Marktl. Längst ist die Euphorie verflogen. Das große Geschäftesterben hat eingesetzt. Die Ratzingerschnitte ist Vergangenheit.