Der Schauspieler, Autor, Regisseur und Produzent Michael Verhoeven mit dem Ehrenpreis des Bayerischen Filmpreises, den er im Januar im Münchner Prinzregententheater erhielt. Am Mittwoch kommt er nach Heilbronn.
Der Schauspieler, Autor, Regisseur und Produzent Michael Verhoeven mit dem Ehrenpreis des Bayerischen Filmpreises, den er im Januar im Münchner Prinzregententheater erhielt. Am Mittwoch kommt er nach Heilbronn.

Interview vor dem KoKi-Besuch von Michael Verhoeven

veröffentlicht am 16.03.2007 in der Heilbronner Stimme

 

„Es geht mir nicht um die Schuldfrage“

 

Die zwischen 1995 und 2004 gezeigte „Wehrmachtsausstellung“ konfrontierte die Öffentlichkeit mit Fotos deutscher Soldaten, die Zivilisten töten. Michael Verhoeven nimmt die Ausstellung über den Vernichtungskrieg im Osten und die heftigen Reaktionen darauf zum Ausgangspunkt für seinen Dokumentarfilm „Der unbekannte Soldat“. Am kommenden Mittwoch stellt der in München lebende Regisseur seinen Film im Kommunalen Kino Heilbronn im Cinemaxx vor. Andreas Sommer hat sich mit Michael Verhoeven unterhalten.

Was hat Sie bewogen, zu diesem Thema einen Film zu machen?

Michael Verhoeven: Am 1. März 1997 bin ich in dieses Thema durch eine Protestveranstaltung der NPD gegen die Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“ im Münchner Rathaus hineingezogen worden. Ich habe darüber in der Zeitung gelesen und bin spontan mit einem Drehteam hingegangen. Gegen diese Demo war bereits eine Gegendemo organisiert. 20 000 Nazigegner warteten auf 5000 Nazis. Es ging mir erst einmal weniger um die Ausstellung, sondern darum, was diese Ausstellung mobilisiert hat.

Wie fanden Sie denn die Ausstellung?

Verhoeven: Sie war sehr vielfältig und gründlich. Da die Ausstellung inzwischen aufgelöst worden ist, hat mein Film jetzt die unerwartete Aufgabe, sie weiter in der Diskussion zu halten. Die Reaktionen auf die Ausstellung in München waren sehr heftig, und ich habe mehrmals auf dem von Gegnern belagerten Rathausplatz gefilmt. Diese Gegner der Ausstellung haben sich übrigens geweigert, sie anzuschauen.

Was hat Sie in der Ausstellung am meisten interessiert?

Verhoeven: Zwei Dinge. Wie ist die Wehrmacht in Filmen der Adenauer-Zeit und deren Geschichtsbild dargestellt worden. Als zweites hat mich das Verhalten der Stabsärzte innerhalb der Wehrmacht interessiert, weil ich selber Arzt bin.

Sie haben sich die Ausstellung sozusagen mit ihren beiden beruflichen Augen genauer angeschaut?

Verhoeven: Genau, mit meinem Doppelblick. Aber noch nicht in Bezug auf den Film, sondern nur für mich. Dann habe ich gesehen, dass man in der Ukraine und anderswo den Juden angehängt hat, sie seien schuld am Tode derer, die vom russischen Geheimdienst NKWD umgebracht worden sind. Und dass die Juden zur Strafe für diese Verbrechen, die sie nie begangen haben, von Einheimischen erschlagen und erschossen worden sind. Diese Dinge sind vor den Augen der Wehrmacht passiert, nicht unbedingt durch die Wehrmacht selber. Damals habe ich noch nicht gewusst, dass die Wehrmacht den Oberbefehl über die SS hatte, das habe ich erst lange nach der Ausstellung durch meine Gespräche mit Historikern erfahren. Die landläufige Trennung von der guten sauberen Wehrmacht und der furchtbar schlimmen SS hat so dann nicht mehr funktioniert.

Was bedeutete diese Erkenntnis für Ihren Film?

Verhoeven: Es muss vor Juni 1941 eine Planung der Wehrmacht mit der SS gegeben haben die jüdische Zivilbevölkerung in den Ostgebieten zu vernichten. Das kam in der Ausstellung nicht so raus. Ich begann zu recherchieren, sieben Jahre auf eigene Faust, ohne Rückhalt, ohne Aussicht auf ein Ergebnis. Von 1999 bis 2001, als man der Ausstellung den Vorwurf machte, alles sei Fälschung, hatte ich auch das Gefühl, auf dem falschen Dampfer zu sein. Dann ging es weiter, und ich habe auch in der zweiten Ausstellung gedreht.

Sieben Jahre Recherche, wieviel Filmmaterial haben Sie dabei gesammelt?

Verhoeven: Ich hatte am Ende 200 Stunden Filmmaterial und musste beim Dokumentarfilm auf vieles verzichten, was mir wichtig war. Aber am 23. März kommt die DVD auf den Markt, die zusätzliches Material enthält. Ich hatte zu Beginn kein klares Bild, das ich nur nachzuprüfen brauchte. Aber schrittweise hat sich mein Informationshorizont verbreitert.

Wann war der Film fertig?

Verhoeven: 2004. Ich habe ihn ergänzt, den Bayerischen Rundfunk und Arte als Sender gefunden und die Kinowelt als Verleih. Und wir sind vom FFF Bayern und der Filmstiftung NRW gefördert worden.

Läuft Ihr Film regulär in den Kinos?

Verhoeven: Er läuft seit 21. September im Kino, der Verleih hat aber leider nur vier Kopien in Umlauf.

Sie werden aber von Filmclubs eingeladen oder zeigen den Film in Schulen oder vor Schülern in Kinos.

Verhoeven: Ja, natürlich. Aber Jüngere gehen fast gar nicht in die Kinovorstellungen. Das tut das Arthaus-Publikum, und das ist grauhaarig, wie ich selbst. Hauptschulklassen, das ist meine Erfahrung seit meinem Film „Die weiße Rose“, verstehen gar nichts und finden das auch nicht weiter schlimm. Sie haben einfach keinen Hintergrund. Die Diskussion danach bringt überhaupt nichts. Aber bei Gymnasiasten stelle ich ein enormes Wissen und auch Interesse fest.

Unser Zwei-Klassen-Bildungssystem.

Verhoeven: Die Hauptschüler kann man nur bedauern, denn das Nichtinformiertsein schlägt irgendwann auf sie zurück. Und dann erkennen sie ihre Benachteiligung.

Wollen Sie mit „Der unbekannte Soldat“ noch die Täter erreichen?

Verhoeven: Nein, überhaupt nicht. Die Täter sind heute 90 wie mein einziger deutscher Augenzeuge.

Welche Reaktionen wünschen Sie sich auf Ihren Film?

Verhoeven: Die Ausstellung hat ja etwas bewirkt: Dass die Menschen anfingen, über diese Thematik nachzudenken. Man muss Fragen stellen. Wie war es möglich, dass ein Soldat, der auf Soldaten zielt, plötzlich auch auf kleine Kinder schießt? Dazu bietet mein Film Material, wie diese jungen Soldaten massiv indoktriniert wurden. Es geht mir nicht um die Schuldfrage, sondern um die Frage, ob man so handeln musste. Widerstand war nicht möglich, weil er tödlich war - das habe ich schon bei den Vorbereitungen zu „Die Weiße Rose“ immer gehört. Das war auch die Philosophie der Gegner der Wehrmachtsausstellung. Aber es gab in Deutschland einen massiven hunderttausendfachen Widerstand, habe ich bei den Recherchen zur „Weißen Rose“ erfahren, der aber nie publiziert worden ist. Man beließ den Widerstand bei den bösen Kommunisten, der angeblich naiven Weißen Rose oder beim kompetenten Militär.

Ein Film also, der die Wahrheit zurechtrückt?

Verhoeven: Es ist ein Aufklärungsfilm, der zeigt, dass man wach bleiben muss. Woher weiß ich, das heute alles wahr ist, was mir um die Ohren gehauen wird? Ich will die jungen Menschen mit Hintergrundwissen versorgen, damit sie präziser skeptisch sein können. Ich finde, es gibt heute nicht genug Skepsis in der jungen Generation.

Info: Das Kommunale Kino Heilbronn zeigt „Der unbekannte Soldat“ am Mittwoch, 21. März, 20 Uhr, im Cinemaxx. Michael Verhoeven erklärt die Entstehungsgeschichte des Films und beantwortet nach der Vorführung Fragen.