Stoff für Aufarbeitung, Erinnerung, Mahnung, Stoff für Kontroversen oder Anfeindungen: Michael Verhoeven und „Der unbekannte Soldat“. Foto Ralf Seidel
Stoff für Aufarbeitung, Erinnerung, Mahnung, Stoff für Kontroversen oder Anfeindungen: Michael Verhoeven und „Der unbekannte Soldat“. Foto Ralf Seidel

Bericht vom KoKi-Besuch von Michael Verhoeven

Veröffentlicht am 23.03.2007 in der Heilbronner Stimme

 

Tatort Tarnopol

von Andreas Sommer

 

HEILBRONN - Was haben die einfachen deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg wirklich getan? Wozu waren Durchschnittsdeutsche fähig? Fragen, die Michael Verhoevens beklemmender Dokumentarfilm „Der unbekannte Soldat“ aufwirft und zu klären versucht.

In einer Vormittags- und einer Abendvorstellung präsentierte der 69-jährige Schauspieler, Regisseur und Produzent auf Einladung des Kommunalen Kinos Heilbronn seinen sorgfältig recherchierten Film - und hinterließ bei den 300 Besuchern im Cinemaxx, darunter viele Jugendliche, einen nachhaltigen Eindruck.

Michael Verhoeven drehte einen Film über die Auswirkungen der Wehrmachtsausstellung und stellt dabei die These auf, dass Wehrmacht und SS vor Juni 1941 gemeinsam geplant haben, die jüdische Zivilbevölkerung in den Ostgebieten zu vernichten. „Ich will mit meinem Film zeigen: So war es wahrscheinlich“, sagt er später in der Diskussion.

Seine These bebildert er mit Interviews mit Zeitzeugen, Tätern und Opfern, er besucht Demonstrationen von Neonazis, er befragt ihre Gegner, Politiker und Historiker und zeigt erschütternde Fotos und Filmausschnitte von Massenerschießungen in Tarnopol oder Dubno/Ukraine und Hinrichtungen am Galgen.

Selbst tut er sich den Film nicht mehr an, bei dessen Herstellung er monatelang im Schneideraum saß: „Der Film ist auch für Sie nicht einfach, aber für mich ist es ein anderes Schauen.“ Nach der Vorstellung steht Michael Verhoeven auf der Bühne und bringt ganz unaufgeregt, taktisch geschickt und souverän ein Gespräch in Gang über eines der dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte, über dem lange der Mantel des Schweigens lag.

„Ich habe gerne geglaubt, dass die Wehrmacht sauber war und nur die SS böse - aber es war einfach nicht so“, beteuert Verhoeven mehrmals, und nimmt damit den Landsern, die die Wehrmachtsausstellung nie gesehen haben, sie aber umso heftiger kritisieren, etwas den Wind aus den Segeln. Auf die Frage eines Zuschauers, was er von TV-Filmen wie „Die Flucht“ halte, antwortet er: „Hervorragend gemacht, aber nicht mein Blick auf die Geschichte. Ich würde sowas nicht machen. Die Vertriebenen sind auch Opfer, aber man muss fragen, wie es dazu kam.“

Verhoeven will in seinem Film, für den er sieben Jahre recherchiert hat, zeigen, wie die Soldaten durch die NS-Propaganda indoktriniert wurden: Jüdisches Leben ist nicht lebenswert, tönte es aus den Wochenschauen. Auf die Frage nach seinen Erwartungen gegenüber Jugendlichen erklärt der Regisseur, der erst im Abiturjahr 1957 vom Dritten Reich etwas in der Schule gehört hat: „Jugendliche sollen Eltern und Lehrer fragen. Schuld vererbt sich nicht.“ Hut ab vor dem Wehrmachtssoldaten Rudolf Mössner, Jahrgang 1916, dem das Schlusswort im Film gehört: „Ich schäme mich.“