Unser Programm Juli - September 2002: Schwerpunkt "Filmland Österreich"
3.7.2002: Tempo
Österreich 1996, 92 Min., OmU
Regie: Stefan Ruzowitzky
Darsteller: Xaver Hutter, Nicolette Krebitz, Dani Levy, Simon Schwarz
Das Leben eines Fahrradkuriers in Wien muß nicht unbedingt langweilig sein: Der 18jährige Jojo träumt dabei vor sich hin, bis seine Tagträume zur Realität werden. Dabei macht er so interessante Erfahrungen wie das "erste Mal" mit einer Frau, seine Ausnutzung als Drogenkurier und Kontakt mit der Polizei.
10.7.2002: Der Kreis (Dayereh)
Iran/Italien 2000, 89 Min., OmU
Regie: Jafar Panahi
Darsteller: Maryam Parvin Almani, Nargess Mamizadeh, Fereshteh Sadr Orfani
Drei aus dem Gefängnis entlassene Frauen versuchen, mit einem Bus in die Freiheit zu gelangen. Sie haben keine Papiere, kein Geld und vor allem keine männliche Begleitung und bekommen folglich keine Tickets. Nayereh, eine alleinerziehende Mutter, muss ihre Tochter aussetzten, weil sie sie nicht ernähren kann. Eine andere Frau, Arezou, prostituiert sich während ihres Hafturlaubs, um unterzutauchen. Pari, eine unverheiratete Schwangere, sucht verzweifelt eine Ärztin zur Abtreibung, doch auch eine Frau, die ihr helfen könnte, hat Angst vor Strafe und davor, dass ihr Mann von ihrem früheren Gefängnisaufenthalt erfahren könnte. Nur eine verhaftete Prostituierte lebt einen Moment der Freiheit aus, als sie in aller Öffentlichkeit eine Zigarette raucht. Auch diese Kleinigkeiten sind den Frauen untersagt.
Der Film basiert auf einer wahren Begebenheit, bei der eine Frau ihre beiden Töchter tötete und sich danach selbst umbrachte, ohne dass ihr Umfeld nach einer Ursache dafür forschen wollte. In ruhigem Erzählfluss verbindet der Film persönliche Tragik von einzelnen Frauen mit dem großen Wurf eines sozialen Porträts.
17.7.2002: Nurse Betty
USA 2000, 97 Min., FSK: 12, OmU
Regie: Neil LaBute
Darsteller: Greg Kinnear, Morgan Freeman, Renée Zellweger, Chris Rock
Ein Serviermädchen hält eine TV-Serie für real - und stürzt in wundersame Abenteuer.
Zartbesaitete werfen Neil LaButes Filmen Zynismus und Frauenverachtung vor. Das hat der Regisseur nicht auf sich sitzen lassen wollen. Jetzt überrascht er mit einer liebenswerten Komödie, in der sich Renée Zellweger als naive Kellnerin Betty in die Herzen der Zuschauer spielt. Dennoch: LaBute versieht den turbulenten Spaß mit kritischen Untertönen und einer deftigen Portion Tarantino-Icons.
Betty schaut fasziniert die Arzt-Serie "A Reason to Love", die sich um die Amouren des Stardoktors David dreht. Als ihr fremdgehender Gatte Del sich mit Gangstern anlegt und ins Gras beißt, flüchtet die schockierte Betty ganz in die Fantasie-Welt ihrer Seifenoper. Im Glauben, Davids Geliebte zu sein, fährt sie nach L.A., um dem verdutzten Seriendarsteller in die Arme zu fallen. Auf ihren Fersen: die Killer ihres Mannes...
Wie eine normale Person im Fernsehwahn Illusion mit Realität verwechselt, weiß "Nurse Betty" zu grotesken Situationen zu steigern. Dass viele davon trotzdem plausibel sind, macht ihren besonderen Reiz aus. Augenzwinkernd zieht LaBute über TV-Konsum und die heuchlerische Medienwelt her, die Betty mit ihrem ehrlichen Charme im Sturm erobert. Wenn sich das schwarze Killer-Duo, bestehend aus dem besonnenen Charlie und dem hitzigen Wesley, witzige Wortgefechte liefern, wünscht man sich, dass aus dieser intelligent-frechen Tragikomödie eine (Fernseh-)Serie entstünde.
24.7.2002: Die Gottesanbeterin
Österreich 2001, 92 Min.
Regie: Paul Harather
Darsteller: Simon Schwarz, Udo Kier, Jan Niklas, Christiane Hörbiger
Trixi ist eine geplagte und vom Leben getretene Hausfrau mit einem herzkranken Mann. Die Tabletten ihres Ehegatten scheinen aber die Möglichkeit für eine bessere Zukunft zu bieten. Sie kann der Versuchung nicht widerstehen und entledigt sich ihres Mannes durch Vergiftung.
Es folgt ein Mord nach dem anderen, Trixie verschafft sich den Aufstieg in eine bessere Gesellschaft. Am Ende wartet sogar die große Liebe - oder trügt der Schein des Glücks?
Bewusst bösartige Mord- und Erbschleicherkomödie von "Indien"-Regisseur Paul Harather.
31.7.2002: Bye Bye Bluebird
Dänemark 1999, 93 Min., OmU
Regisseur: Katrin Ottarsdòttir
Darsteller: Hildigunn Eydfinsdottir, Sigri Mitra Gaini, Johan Dalsgaard
Nach Jahren in der Großstadt kehren die beiden Freundinnen Barba und Rannya in ihre Heimat, die Faröer-Inseln, zurück. Ihr schrilles Outfit, die buntgefärbten Haare und ihr selbstbewußtes Auftreten sind in der Hauptstadt Torshavn auf der kleinen Insel eine wahre Sensation. Der Rest der Welt scheint für die Inselbewohner immer in weiter Ferne zu liegen, und nun bringen diese beiden jungen Frauen plötzlich ein Stück modernes Lebensgefühl mit in die traditionelle Inselwelt.
Die beiden haben familiäre Angelegenheiten zu klären, doch als sich Barba wieder mit ihrem Stiefvater verkracht, reißen sie aus und werden von dem alkoholisierten Fischer Runi in seinem Ford auf eine skurrile Inselrundfahrt mitgenommn, wo sie seltsamen Charakteren und fatalen Familienbanden begegnen. Nach und nach legen die Mädchen ihr schrilles Äußeres ab, gewinnen jedoch an Lebensfreude und Selbstverantwortung.
7.8.2002: Requiem for a Dream
USA 2000, 102 Min., OmU
Regie: Darren Aronofsky
Darsteller: Jennifer Connelly, Marlon Wayans, Jared Leto, Sean Gullette
Die Geschichte einer Sucht-Familie: Während Ellen Burstyn von Schlankheitspillen abhängig ist, versinken ihr Sohn und dessen Freundin im wahren Drogensumpf.
Rigoroser, brutaler und kompromissloser kann ein Anti-Drogen-Film wohl nicht sein. Darren Aronofsky, dem man nach seinem ästhetischen Amoklauf im experimentellen Debüt "Pi" mehr als nur Talent bescheinigen kann, macht die Sucht in allen Facetten körperlich erfahrbar. Der halluzinogene Alptraum ist wie das Gegenstück zu der nüchternen Strukturanalyse "Traffic", mit dem er in den USA fast zeitgleich startete, aber bei den "Oscars" übergangen und in Deutschland mehr als ein Jahr auf Eis gelegt wurde.
In der Wahl seiner Mittel setzt Aronofsky nicht auf das Originellste, sondern auf das Drastischte. Dem verdankt der deprimierende, gleichzeitig faszinierende Film seine sogartige Wirkung, deren schwindelerregender Klimax man sich kaum entziehen mag - selbst wenn einen Stil und Thema abstößt. Damit aber beweist Aronofsky seine Meisterschaft im Filmemachen: Einen kontroversen Inhalt so anzupacken, dass er unweigerlich unter die Haut geht.
Viele Tricks aus "Pi"" kommen wirkungsvoll zum Einsatz und verwandeln die bittere Tragödie in einen expliziten Bewusstseinsrauch, der keinen Abgrund scheut. Dem Monster Drogen begegnet Aronofsky mit monströser Inszenierung. Er bekämpft Feuer mit Feuer. Allein das hat in Übersee zu zahlreichen Missverständnissen geführt. Dem Film wurde - völlig zu Unrecht - unterstellt, seinem Topos unkritisch zu begegnen. Dabei kann man Sucht nicht eindeutiger und eindringlicher verdammen, als es dieses erstklassige Requiem vermag.
14.8.2002: Sunshine - Ein Hauch von Sonnenschein (Taste of Sunshine)
Österreich/Ungarn/D/Can 1999, 180 Min, OmU., FSK: 12
Regie: Istvàn Szabó
Darsteller: Molly Parker, Rachel Weisz, Ralph Fiennes, Rosemary Harris
Der Film erzählt die bewegende Geschichte einer jüdischen Familie in Ungarn, die drei Generationen hindurch - von 1840 bis hin zur ungarischen Revolution im Jahre 1956 - gegen politische Machthaber, gesellschaftliche Barrikaden und innere Zwiespälte anzukämpfen hat und doch immer wieder zusammenhält.
Hollywoodstar Ralph Fiennes verkörpert in drei Hauptrollen drei Generationen: Ignatz, den pragmatischen Juristen, Adam, seinen olympisch-athletischen Sohn und
Ivan, Ignatz' politisch engagierter Enkel, der schließlich realisiert, dass die einzige Treue, für die es sich zu kämpfen lohnt, die Treue zu sich selbst ist.
Oscarpreisträger Istvàn Szabó verbindet in eindrucksvollen Bildern persönliche Dramen und Liebesgeschichten mit politischen Ereignissen - und bringt damit in bewegender Manier ein Stück europäischer Geschichte auf unsere Leinwand.
21.8.2002: Jazz Seen
D 2001, 80 Min.
Regie: Julian Benedikt
William Claxton: Jazz fürs Auge. Mit dem Bebop begann der Mythos des Jazz. In der Ära des Swing waren Musiker noch freundliche Unterhaltungsprofis, die mit einem Lächeln im Gesicht in die Kamera blickten. Doch mit der Entdeckung des genialen Solisten als Bühnen-Typus waren andere Bilder gefragt. Jazz bekam einen Charakter, der auch die Fotografen vor neue Aufgaben stellte. William Claxton war einer der wichtigsten Vertreter jener, die halfen, der fragilen Ästhetik der improvisierenden Moderne ihre Form zu geben.
Für Jazz Seen wechselt Regisseur Julian Benedikt von der East-Coast zur West- Coast. Nach Blue Note? A Story of Modern Jazz über das gleichnamige New Yorker Kultlabel und dem dort gepflegten East-Coast Jazz, widmet sich Jazz Seen dem kalifornischen Gegenstück ? dem West-Coast Jazz. Niemand hat die dortige Jazz-Szene und ihr faszinierendes Umfeld eindrucksvoller fotografisch dokumentiert als William Claxton.
Vierzig Jahre amerikanische Pop-Kultur, gespiegelt im außerordentlichen Werdegang des wohl berühmtesten Jazz-Fotografen der Welt. Regisseur Julian Benedikt stellt Schlüsselepisoden aus Claxtons Leben nach und verwebt sie mit einer Auswahl an Originaldokumenten. Der Film gewährt Einblick in Claxtons Foto-Archiv.
28.8.2002: Saltwater
Irland 2000, 94 Min., OmU
Regie: Conor McPherson
Darsteller: Brian Cox, Peter McDonald, Brendan Gleeson, Garrett Keogh
In einem kleinen irischen Kaff an der See betreiben die Beneventis einen Fish´n Chips-Imbiß. Außerhalb der Saison ist es ziemlich schwer, mit der Frittenbude das Familieneinkommen zu erwirtschaften. Und die drei mehr oder weniger erwachsenen Kids von George Beneventi haben auch was anderes im Kopf als den Familienbetrieb: Joe, der Jüngste, steckt noch in der Pubertät und Carmel hat Probleme mit ihrem Lover (einem Philosophiedozenten, der immer wieder mit seinen Studentinnen schläft).
Frank, der Älteste, hilft dem Vater, so gut er kann. Aber es nervt ihn, dass George die Schulden beim örtlichen Kredithai, Simon Simple, nicht zurückzahlen kann. Als Simple Simon sich weigert, die Schulden zu stunden, platzt dem friedlichen Frank der Kragen: er schweißt zwei Stahlrohre so zusammen, dass sie aussehen wie ein Gewehr und macht sich mit dieser dilettantischen Ausrüstung auf zu Simons Büro. Ein liebevoller Film über das Leben und das Erwachsenwerden.
4.9.2002: Der Überfall
Österreich 2000, 84 Min., OF, FSK: 12
Regie: Florian Flicker
Darsteller: Roland Düringer, Birgit Doll, Josef Hader, Joachim Bißmeier
Andreas Berger ist geschieden, arbeitslos und mit den Nerven am Ende. Er hat kein Geld, um seinem Sohn ein Geburtstagsgschenk zu kaufen. Auch die Alimente sind längst überfällig. In seiner Verzweiflung will er einen Supermarkt überfallen. Doch eine Panikattacke lähmt ihn derart, dass er nicht einmal mehr seine Waffe ziehen kann, sondern stattdessen in die benachbarte Schneiderei flüchtet. Dort bedroht er den Schneider Josef Böckl und den Kunden Werner Kopper, sucht nach Bargeld und muss plötzlich feststellen, dass er in der Falle sitzt: Der Supermarkt wurde inzwischen tatsächlich überfallen, und die Polizei hat den Häuserblock umstellt...
"Hadern bis zur Raserei" wäre eine gute Werbezeile, um den Charakter von Florian Flickers Kammerspiel-Komödie zu beschreiben. Denn die Figur, welche der bereits in "Indien" und "Komm, süßer Tod" positiv aufgefallene Josef Hader zum Leben erweckt, ist eine Glanzleistung sondergleichen.
11.9.2002: Der Apfel (Sib)
Iran/Frankreich 1998, 86 Min., OmU
Regie: Samira Makhmalbaf
Darsteller: Ghorban Ali Naderi, Azizeh Mohamadi, Massoumeh Naderi
Mit dem Regiedebüt der achtzehnjährigen Samira Machmalbaf findet eine herz-zereissend authentische Geschichte den Weg in unsere Kinos - eine Geschichte, die wieder einmal bestätigt, dass mancherorts und -zeit die Realität unsere Vorstellungen übertreffen kann:
Zwei Töchter werden von ihren Eltern, einem arbeitslosen Mann und seiner blinden Frau, elf Jahre lang eingesperrt. In dieser Zeit durchleben die Mädchen Tag für Tag dasselbe gnadenlose Schauspiel: Der Vater sperrt die vergitterte Haustüre zu, verlässt das Haus, und begibt sich auf Teherans Straßen, um als Bettler ein paar wenige Tumans zu verdienen. Die Töchtern Massumee und Sahra dürfen noch nicht einmal auf den Innenhof des Wohnhauses, aus Angst ihnen könne etwas zustossen: "Mädchen sind wie Blumen: setzen wir sie der Sonne aus, verwelken sie", zitiert der Vater aus den in lyrischen Phrasen verpackten Regel verklärter Lebensweisheiten. Dabei scheint er zu übersehen, dass die Mädchen genau daran zugrundegehen.
Als die Nachbarn eine Sozialarbeiterin zu Hilfe rufen, die der Sache auf den Grund gehen soll, begründet der Vater seine Tat mit dem Argument, Schutz sei wichtiger als Freiheit. Starr an seine Prinzipien haftend, bleibt der engagierten Sozialarbeiterin nichts weiter als zur Metallsäge zu greifen, die Mädchen zu befreien, und den uneinsichtigen Mann einzuschliessen.
18.9.2002: Bulworth
USA 1998, 108 Min., FSK: 12, OmU
Regie: Warren Beatty
Darsteller: Paul Sorvino, Warren Beatty, Christine Baranski, Richard Sarafian
In den letzten Tagen der Vorwahlkampagnen für die Präsidentenwahl im Jahr 1996 kämpft der amtierende Senator Jay Bulworth um seine Wiederwahl in den US-Senat. Bulworths Leben ist ein Scherbenhaufen: seine Ehe mit Constance besteht nur noch auf dem Papier, seine Quoten sind im Keller. Verzweifelt engagiert er bei dem Kriminellen Vinnie einen Killer, der seinem Leben ein Ende setzen soll. Eine beim korrupten Lobbyisten Crocket abgeschlossene Lebensversicherung wird seiner Tochter die Zukunft sichern. Doch zwei Größen hat der Senator nicht bedacht: die neue Freihet, die seine ultimative Entscheidung ihm beschert - und die intelligente junge Afro-Amerikanerin Nina, die ihm am letzten Wahlkampfwochenende über den Weg läuft und ihn völlig verwirrt.
Die Verbindung zu Nina führt den ehemaligen Liberalen wieder an die Wurzeln seiner politischen Begeisterung zurück: Mit schockierend direkten Raps gelingt es ihm, die Probleme der Bürger in leicht verständliche Sprache zu fassen und so das Vertrauen der Wähler zurückzugewinnen. Mit neu erwachtem Lebenswillen versucht Bulworth, den Auftragsmord an ihm zu verhindern.
25.9.2002: Der Traum ist aus - Die Erben der Scherben
D 2001, 95 Min.
Regie: Christoph Schuch
Der Dokumentarfilm schildert die einzigartige Geschichte der Musiker um Rio Reiser. Diese Band war nicht nur in musikalischer Hinsicht prägend, sondern untrennbar mit linken Protestbewegungen in den 70er und 80er Jahren verbunden. Gibt es heute in Deutschland noch eine Band, die solch einen politischen Einfluss hat? Der Filmemacher Schuch begibt sich auf musikalisch-politische Spurensuche und stellt "Tocotronic", "Element of Crime", "Das Department" und "Die Sterne" den musikalischen Anarchisten gegenüber.
FILMLAND ÖSTERREICH
Aus Österreich stammende Regisseure wie Georg Wilhelm Pabst (DIE FREUDLOSE GASSE, D 1925; DREIGROSCHENOPER, D 1931) und Fritz Lang (DER MÜDE TOD, D 1921; METROPOLIS, D 1926; M, D 1931) haben schon in der Stummfilmzeit bedeutende Beiträge zur Filmgeschichte geliefert, auch wenn diese vorwiegend in Deutschland und später - in der Emigration - in Frankreich und den USA gearbeitet haben. Und an MENSCHEN AM SONNTAG von Robert Siodmak (D 1929), einem noch in Berlin gedrehten berühmten Vorläufer des Neorealismus haben neben Edgar G. Ulmer auch schon die Österreicher Billy Wilder und Fred Zinnemann mitgearbeitet, die - wie Siodmak und Ulmer - später in Hollywood arbeiteten und dort einen entscheidenden Anteil am Erfolg der europäischen Emigranten für sich verbuchen konnten.
Doch auch in Österreich selbst entstanden zu dieser Zeit interessante Stummfilme wie ORLACS HÄNDE (Robert Wiene, A 1924), mit dem der aus Deutschland stammende Regisseur an den großen Erfolg seines Films DAS KABINETT DES DR. CALIGARI (D 1919/20) anzuknüpfen versuchte und CAFÉ ELEKTRIC von Gustav Ucicky (A 1927). Ucicky war zuvor bereits als Kameramann in SODOM UND GOMORRHA - DIE LEGENDE VON SÜNDE UND STRAFE hervorgetreten, den Michael Kértèsz 1922 in Österreich drehte, bevor er als Michael Curtiz später in Hollywood mit der Regie von CASABLANCA (USA 1942) unsterblichen Ruhm erlangte. OBERST REDL von Hans Otto Löwenstein (A 1925) beschäftigt sich erstmals mit der tragischen Geschichte des homosexuellen Generalstabsoffiziers in der k.u.k. Armee, der 1913 nach der Entdeckung seiner Spionagetätigkeit für Russland in den Selbstmord getrieben wird; sechzig Jahre später hat der ungarische Regisseur István Szabó den Stoff unter dem Titel REDL EZREDES (Oberst Redl, BRD, H, A 1984) mit Klaus Maria Brandauer und Armin Mueller-Stahl) erneut verfilmt.
Der erste österreichische Tonfilm LEISE FLEHEN MEINE LIEDER, den der Schauspieler Willi Forst in Wien mit dem früheren UfA-Produzenten Gregor Rabinowitsch und dem Drehbuchautor Walter Reisch - beide bei Goebbels in Ungnade gefallen - drehte, beschäftigte sich mit der Entsthungsgeschichte von Schuberts h-Moll Symphonie und war ein überraschend großer Erfolg; auch in Paris, Rom und London wurde man auf den österreichischen Film aufmerksam. Bis zur Annexion Österreichs durch das Deutsche Reich 1938 etablierte sich eine zahlenmäßig kleine, aber durchaus respektable Produktion, an der Willi Forst als Regisseur u.a. mit MASKERADE (A 1934, mit Adolf Wohlbrück, Paula Wessely, Olga Tschechowa und Hans Moser) und mit BURGTHEATER (A 1936) weiteren Anteil hatte. Auch Walter Reisch versuchte sich als Regisseur und drehte u.a. die gelungene EPISODE (A 1935), eine Geschichte aus den Inflationsjahren. Werner Hochbaum, der 1929 mit BRÜDER in Deutschland einen der wenigen Filme gedreht hatte, in denen das Leben des Proletariats realistisch wiedergeben wird, realisierte in Österreich von 1934 bis 1936 vier Filme, von denen DIE EWIGE MASKE (1935) besonderes Interesse verdient: Ein Großteil des Films stellt die Welt aus der Perspektive eine Menschen mit gestörtem psychischen Gleichgewicht dar. Einer der letzten Filme, die noch im freien Österreich gedreht wurden, war LUMPACIVAGABUNDUS von Géza von Bolvary (1937), eine volkstümliche Komödie nach Motiven von Johann Nestroy. Unter großen finanziellen Problemen litten schon 1934 und 1935 Produktionen von und mit Emigranten, die damals in Österreich zwar noch möglich waren, aber durch den Wegfall des deutschen Marktes ruinös waren, so Z.B. DAS TAGEBUCH EINER GELIEBTEN von Hermann Kosterlitz (1935). Wie 1933 schon Billy Wilder und Otto Preminger, der in Österreich nur einen Film (DIE GROSSE LIEBE, 1931) gedreht hatte, ging auch Kosterlitz 1936 nach Amerika und drehte fortan unter dem Namen Henry Koster erfolgreich Filme in Hollywood, u.a. MR. HOBBS TAKES A VACATION (Mr. Hobbs macht Ferien, USA 1962, mit James Stewart und Maureen OHara).
Die Bedeutung der Werke der schon vor 1933 in Hollywood tätigen, aus Österreich stammenden Regisseure Erich von Strohheim und Josef von Sternberg und der bereits erwähnten Emigranten Fred Zinnemann, Otto Preminger, Billy Wilder und vieler weiterer ist außerordentlich; allein ihre Erfolge aufzulisten würde den Rahmen dieser Darstellung sprengen.
Weniger erfolgreich stellt sich in Österreich - wie auch in Deutschland - das Kino in den Nachkriegsjahren dar. Zwar schluchzte alle Welt mit Romy Schneider und Karlheinz Böhm in Ernst Marischkas Sissi-Trilogie (SISSI, 1955; SISSI-DIE JUNGE KAISERIN, 1956; SISSI- SCHICKSALSJAHRE EINER KAISERIN, 1957) doch das Niveau dieser Erfolge blieb bescheiden bis ärgerlich wie in DAS DREIMÄDERLHAUS (A 1958), bei dem ebenfalls Marischka Regie führte (der Film zeichnet ein borniertes, realitätsfernes Bild des Lebens von Franz Schubert). Dass dies auch besser geht, hat Walter Kolm-Veltée mit EROICA (A 1949) und FRANZ SCHUBERT-EIN LEBEN IN ZWEI SÄTZEN (A 1953) gezeigt. Solide Konfektionsware haben auch Harald Röbbeling mit dem Kriminalfilm ZYANKALI (A 1947) und Kurt Hofmann mit der Kästner-Verfilmung DREI MÄNNER IM SCHNEE (A 1955) geliefert.
Neben Literaturverfilmungen wie GESCHICHTEN AUS DEM WIENERWALD (Maximilian Schell, BRD/A 1978, nach Ödön von Hórvath) und Versuchen mit experimentellen Mitteln und neuen Sehweisen (UNSICHTBARE GEGNER, Valie Export, A 1976; FREMD BIN ICH EINGEZOGEN, Titus Leber, BRD/A, 1978) machten in den siebziger Jahren auch kritische Auseinandersetzungen mit der Heimat und ihrer Geschichte auf sich aufmerksam (DIE VERWEIGERUNG, Axel Corti, A 1972). Und mit Erfolg transportierte Peter Patzak mit seiner in TV-Koproduktion hergestellten Staffel KOTTAN ERMITTELT (A 1976-1981; insgesamt 7 Filme) galligen und anfangs auch tiefgründigen Wiener Schmäh zur Freude des Publikums in die Welt hinaus.
Für eine neue Generation österreichischer Regisseure stehen Filme in der Ästhetik der New Wave wie CAFÉ MALARIA (Niki List, A 1982) oder ECHO PARK (Robert Dornhelm, A 1985). Letzterer erregte später mit einer authentischen Geschichte aus dem rumänischen Bürgerkrieg (REQUIEM FÜR DOMINIC, A 1990) Aufsehen. In kurzem Abstand erfolgten in dieser Zeit auch zwei Verfilmungen von Romanen Joseph Roths (DAS SPINNENNETZ, Bernhard Wicki, BRD/A/I 1986-89 und RADETZKYMARSCH, Axel Corti, A/F/D 1994). Corti, der während der Dreharbeiten zu RADETZKYMARSCH verstarb, hat Roths genialen und melancholischen Abgesang auf die multiethnische Donaumonarchie mit Weltstars wie Max von Sydow und Charlotte Rampling in Szene gesetzt. Internationales Ansehen als Autorenfilmer hat sich der Österreicher Michael Haneke (BENNYS VIDEO, A 1992; FUNNY GAMES, A 1996; CODE INCONNU/Code unbekannt, F/D 2000; DIE KLAVIERSPIELERIN, F/A 2001) erworben.
Drei jüngere Filmemacher haben sich in den letzten Jahren über Österreich hinaus einen Namen gemacht: Wolfang Murnberger, der mit KOMM SÜSSER TOD (2001) den größten österreichischen Kinoerfolg seit langem landete; Florian Flicker, der 1998 mit SUZIE WASHINGTON überzeugte (bereits 2000 im KoKi gezeigt) und in der Reihe mit DER ÜBERFALL (A 2001) vertreten ist und Stefan Ruzowitzky, der 1996 mit TEMPO (im neuen KoKi-Programm) debütierte und 1998 den wunderbaren Film SIEBTELBAUERN (ebenfalls schon 2000 im KoKi gezeigt) realisierte. Ruzowitzky ist seit dem in Deutschland produzierten Horrorthriller ANATOMIE (D 2001, u.a. mit Franka Potente) auch für eine internationale Karriere in Hollywood im Gespräch.
Der Regisseur Paul Harather hat sich mit dem zwischenzeitlich zum Kultklassiker avancierten Film INDIEN (A 1993, mit Alfred Dorfer und Josef Hader) einen Namen als exponierter Vertreter des hintergründigen, schwarzen und galligen österreichischen Humors gemacht (Textprobe: Warum bin i a Mensch und a anderer a Hendl?). Das KoKi zeigt Harathers neuesten Film DIE GOTTESANBETERIN (A 2000). Eine Sonderstellung nimmt in der Reihe István Szabós TASTE OF SUNSHINE/SUN-SHINE-EIN HAUCH VON SONNENSCHEIN (D/A/H/CAN 2001, mit Ralph Fiennes in drei Rollen!) ein. Das an Bertoluccis 1900 erinnernde opulent inszenierte Epos zeigt die Geschichte von drei Generationen einer jüdischen Familie in Budapest und schlägt dabei einen Bogen von der Zeit der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie über die Nazi-Okkupation und den ungarischen Aufstand 1956 bis zum Sturz des Kommunismus in den achtziger Jahren.
Horst Ebert
Jeweils Mittwoch um 20 Uhr im CinemaxX im K3
Eintritt: EUR 4.50, OmU = Originalfassung mit deutschen Untertiteln.
Vorverkauf ab Dienstag an der Kinokasse, telefonisch unter HN-9190919 oder unter www.cinemaxx.de.
Die Filmtexte entstammen auszugsweise, soweit nicht extra vermerkt, von den Seiten "www.spielfilm.de".
Unsere Aktivitäten werden gefördert durch die Stadt Heilbronn sowie die Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg.