Unser Programm April - Juni 2004: Schwerpunkt "Michael Ballhaus - Director of Photography"
Mittwoch, 7.4.2004
Takeshi Kitanos Dolls (DOLLS)
Japan 2002, 113 Min., FSK: 12, OmU
Regie: Takeshi Kitano
Drehbuch: Takeshi Kitano
Darsteller: Hidetoshi Nishijima, Miho Kanno, Tatsuya Mihashi, Chieko Matsubara, Kyoko Fukada, Tsutomu Takeshige
Matsumoto und Sawako waren ein junges Paar, dem eine glückliche Ehe bestimmt schien. Nun wandert Sawako in einfältiger Verwirrung umher und ist durch ein langes rotes Seil mit Matsumoto verbunden. Matsumoto und Sawako sind auf der Suche nach etwas, das sie leider vergessen haben. Eine Reise, die sie durch die vier Jahreszeiten führt.
Hiro ist ein in die Jahre gekommener Yakuza-Boss. Trotz des Respekts, der ihm entgegengebracht wird, und trotz seines Wohlstandes ist er allein.
Vor dreißig Jahren war er ein armer Fabrikarbeiter, dem seine Freundin liebevoll das Mittagessen in den Park brachte. Doch er verließ sie, um dem Erfolg nachzujagen. Jetzt fühlt er sich magisch angezogen von dem Park, in dem sie sich immer trafen.
Haruna Yamaguchi verbringt viel Zeit an einem abgelegenen Strand und blickt übers Meer hinaus. Ihr schönes Gesicht ist zur Hälfte unter Verbänden verborgen.
Noch vor kurzem war Haruna ein erfolgreicher Popstar; ihr Zuhause war die glamouröse Welt von Fernsehshows und Autogramm-Sessions. Millionen beteten sie an, suchten ihre Nähe. Nukui ist wohl ihr treuester Fan. Und das will er ihr nun beweisen.
Mittwoch, 14.4.2004 Michael Ballhaus Director of Photography
Chinesisches Roulette
Deutschland 1976, 86 Min.
Regie und Drehbuch: Rainer Werner Fassbinder
Kamera: Michael Ballhaus
Darsteller: Margit Carstensen, Alexander Allerson, Anna Karina, Ulli Lommel, Brigitte Mira
Ein Ehepaar verabschiedet sich in München fürs Wochenende, sie will nach Mailand, er nach Oslo. Schon am selben Tag treffen sie sich indes auf einem Schloss, das ihnen gemeinsam gehört, wieder, sie in Begleitung ihres Liebhabers, er in der seiner Geliebten. Überraschend trifft am Abend auch noch ihre geh-behinderte Tochter Angela mit ihrer stummen Erzieherin ein. Die sechs Personen werden von einer Haushälterin und deren schriftstellerndem Sohn Gabriel versorgt. Nach Phasen der Unsicherheit und des Misstrauens arrangiert Angela das Chinesische Roulette, eine Art Wahrheitsspiel.
Mittwoch, 21.4.2004
Standing in the Shadows of Motown
USA 2002, 108 Min., OmU
Regie: Paul Justman
Drehbuch: Walter Dallas
Darsteller: Joan Osborne, Gerald Levert, Meshell Ndegeocello, Bootsy Collins, Ben Harper, Chaka Khan, Montell Jordan, Die Funk Brothers
Ihre Musik ist weltberühmt, aber ihre Namen kennen die wenigsten. Sie nennen sich die Funk Brothers und bildeten den Backbeat von so gut wie jedem Motown-Song der 60er und frühen 70er Jahre. Gemeinsam mit Marvin Gaye, Stevie Wonder, The Temptations, The Four Tops, Diana Ross and the Supremes u.a. schufen sie einen N° 1 Hit nach dem anderen. Sie machten aus Berry Gordys Motown Records einen der legendärsten Plattenkonzerne für schwarze Musik. Seine Hitsville U.S.A. gilt heute als Ikone der amerikanischen Popkultur. Die Geschichte der Funk Brothers hingegen scheint das bestbehütete Geheimnis der Pop-Musik zu sein.
Mittwoch, 28.4.2004
Nicholas Nickleby
USA 2002, 132 Min., FSK: 12
Regie: Douglas McGrath
Drehbuch: Douglas McGrath
nach dem Roman von Charles Dickens
Darsteller: Charlie Hunnam, Ch. Plummer, Jim Broadbent
Die Lage nach dem Tod des Familienoberhauptes ist erbarmungswürdig. Und der Einzige, an den sich der junge Nicholas Nickleby in seiner finanziellen Not zu wenden weiß, ist Onkel Ralph, der in London lebende Bruder seines verstorbenen Vaters. Von ihm hat es immer geheißen, er sei äußerst wohlhabend und durchaus wohltätig gesinnt.
Also machen sich Nicholas, seine Mutter und seine Schwester Kate vom ländlichen Devon auf den Weg in die große Hauptstadt. Doch der vermeintliche Retter entpuppt sich als herzloser Tyrann: Seine unschuldige Nichte Kate will er an einen widerwärtigen Geschäftsfreund verkuppeln. Und Neffe Nicholas wird im Eiltempo zurück aufs Land geschickt und damit als potenzieller Störenfried aus dem Weg geräumt.
Als Hilfslehrer in dem Internat Dotheboys Hall erlebt er die schreckliche Herrschaft von Wackford Squeers und seiner Gattin, deren Schutzbefohlene führen in den trostlosen Hallen ein entbehrungsreiches Leben. Am schlimmsten hat es allerdings den jungen Smike getroffen: Ihn behandelt das böse Ehepaar Squeers so gnadenlos ungerecht wie einen Sklaven. Nicholas und Smike freunden sich an und fliehen bei Nacht und Nebel vor ihren Peinigern. Das Abenteuer ihres Lebens kann beginnen.
Mittwoch, 5.5.2004 Michael Ballhaus Director of Photography
Good Fellas Drei Jahrzehnte in der Mafia (GOOD FELLAS)
USA, 1989, 135 Min.
Regie: Marting Scorsese
Kamera: Michael Ballhaus
Darsteller: Ray Liotta, Robert De Niro, Joe Pesci, Lorrainne Bracco
Henry Hill wächst im Mafia-Millieu auf. Kein Wunder, dass er von Kindheit an die Großen Jimmy Conway und Tommy DeVito bewundert. Und er hat nur ein Ziel: möglichst schnell dazuzugehören. Deshalb bietet er seine Hilfe an wo er kann, und gewinnt nach und nach das Vertrauen der Familie. Als er zum ersten Mal verhaftet wird und nicht auspackt, nehmen ihn die anderen als Mitglied auf.
Von da an beginnt für Henry ein strahlendes Leben: Ums Geld braucht er sich keine Sorgen mehr zu machen und mit Karen findet er auch die Frau fürs Leben. Der Preis ist ein gut organisiertes Doppelleben: zu Hause der brave Ehemann, in der Familie der Mafioso der knallharte Killer. Das alles geht gut, bis er wegen Drogenhandels verhaftet wird und auspackt. Das bringt ihm zwar im Rahmen des Kronzeugenprogramms eine neue Identität aber seine ehemaligen Freunde sind überall.
Good Fellas Drei Jahrzehnte in der Mafia basiert auf dem Buch Der Mob von innen des Journalisten Nicholas Pileggi. Hier hat er die (offensichtlich) wahre Lebensgeschichte des echten Henry Hill aufgezeichnet. Regisseur Marin Scorsese setzte diese realitätsnahen Aufzeichnungen mit ungeschminkter und teilweise hoher Brutalität um. Schauspielerisch machen sowohl De Niro und Liotta als auch der mit einem OSCAR ausgezeichnete Joe Pesci eine hervorragende Figur. Insgesamt war der Film für sechs Academy Awards nominiert, darunter auch als bester Film und für die beste Regie.
Mittwoch, 12.5.2004
In Zusammenarbeit mit der Beratungsstelle für Frauen der Diakonie Heilbronn und dem Zontaclub Heilbronn
Lilja 4-Ever
Schweden 2002, 109 Min.
Regie: Lukas Moodysson
Drehbuch: Lukas Moodysson
Darsteller: Oksana Akinshina, Artiom Bogucharskij, Elina Benenson, Lilia Sinkarjova, Pavel Ponomarjov
Die sechzehnjährige Lilja lebt mit ihrer Mutter in einer heruntergekommenen Wohnsiedlung im postkommunistischen Russland und träumt von einem besseren Leben.
Dieses scheint auch in greifbare Nähe zu rücken, als der neue Freund der Mutter, ein Exil-Russe, der in den USA lebt, beide mit nach Amerika nehmen will.
Doch schon bald zerplatzt Liljas Traum, als die Mutter allein mit ihrem Freund aufbricht. Lilja bleibt nur das vage Versprechen, sie würde irgendwann nachgeholt werden.
Allein und auf sich selbst gestellt zerfällt Liljas Leben immer mehr. In ihrer Einsamkeit findet sie nur Trost in der Freundschaft mit dem jüngeren Volodya, mit dem sie sich Zukunftsträume ausmalt und Klebstoff schnüffelt. Eines Tages lernt Lilja in der Disco einen jungen Mann namens Andrej kennen, in den sie sich Hals über Kopf verliebt
Mittwoch, 19.5.2004
Rana's Wedding Jerusalem, another day (AL QODS FEE YOM AKHAR)
Palästina/NL 2002, 90 Min., OmU
Regie: Hany Abu-Assad
Drehbuch: Liana Badr, Ihab Lamey
Darsteller: Clara Khoury, Khalifa Natour, Ismael Dabbag
Rana's Wedding ist ein Liebesfilm, der kurz vor dem israelischen Einmarsch in die besetzten palästinensischen Gebiete spielt.
Rana, eine junge palästinensische Frau, stiehlt sich bei Morgengrauen aus dem Haus ihres Vaters, um nach ihrem heimlichen Geliebten Khalil zu suchen, denn ihr Vater will sie an jenem Tag mit ins Ausland nehmen, um sie von dem jungen Mann zu trennen es sei denn, sie wählt einen Bräutigam von der Liste, die der Vater ihr aushändigt.
Der Film folgt Rana, wie sie durch die Stadt zieht mit all ihren Gefühlen und Zweifeln, die von der bizarren Kriegssituation angefacht werden, sowie ihrem vergleichsweise naiven Versuch, noch am selben Tag zu heiraten. Die entschlossene Rana stellt sich ihren Ängsten und entscheidet niemanden ihr Leben kontrollieren zu lassen.
Mittwoch, 26.5.2004
Orphans
GB 1998, 101 Min., OmU
Regie: Peter Mullan
Drehbuch: Peter Mullan
Darsteller: Stephen McCole, Douglas Henshall, Gary Lewis
Der Tod. Er bringt Familien auseinander. Und er bringt sie zusammen. Und mit ihm kommen alle Arten von Gefühlsregungen und extreme Reaktionen auf die Oberfläche.
Auf einer Trauerfeier finden sich die vier Geschwister der Familie Flynn bei der Bestattung ihrer geliebten Mutter wieder wobei geliebte Mutter nicht sehr zutreffend erscheint, angesichts der Tatsache, dass man sich während der Zeremonie vielmehr Gedanken um die eigenen Probleme macht, als um die Person, von der man sich gerade verabschiedet. Die Geschwister sind es, an die sich der Titel Orphans zu deutsch: Waisen richtet: Eine streitsüchtige Gruppe, die sich in den Gassen von Glasgow auskennt, wie es kein streunender Hund besser könnte.
Mittwoch, 2.6.2004 Michael Ballhaus Director of Photography
Mit aller Macht Primary Colors (PRIMARY COLORS)
USA 1998, 144 Min., FSK: 12
Regie: Mike Nichols
Drehbuch: Elaine May
Kamera: Michael Ballhaus
Darsteller: Kathy Bates, John Travolta, Billy Bob Thornton
Basierend auf dem Bestseller von Joe Klein erzählt der Film, wie sich der hoffnungsvolle Präsidentschaftskandidat Jack Stanton in das White House befördert. Aus dem Blickwinkel des farbigen Wahlkampfberaters Henry Burton zeigt sich die Wahlkampf-Kampagne getragen von enthusiastischen jungen Demokraten, die alle davon träumen, dass ihr Mann gewinnen wird. Doch hinter den Kulissen läuft alles viel schmutziger ab, als es sich ein Außenstehender vorstellen kann: Der Versuch, Stanton mit gefälschten Tonbändern zu erpressen, ein angeblich uneheliches Kind und ein verdächtiger Selbstmord kommen vor, und auch Stantons politisch gerissene Ehefrau ist involviert.
Mittwoch, 9.6.2004
Der unbekannte Orson Welles (UNKNOWN ORSON WELLES)
USA 1968-85, 90 Min., OmU
Regie und Drehbuch: Orson Welles
Darsteller: Orson Welles u.v.a
Erste, am Münchner Filmmuseum vorgenommene Rekonstruktionen aus dem umfangreichen Nachlass von Orson Welles: Die fünf Arbeiten machen mit der üblen Nachrede Schluss, Welles habe sich seit Falstaff auf den Lorbeeren vergangener Zeiten ausgeruht. Vielmehr blieb er seiner Vision eines autonomen Autorenkinos treu. Seine Miniaturen zeugen von (Selbst-)Ironie und Originalität und fungieren in ihrer Gesamtheit als wichtiges Postskriptum zu seinem Werk.
Mittwoch, 16.6.2004
Die Invasion der Barbaren (LES INVASIONS BARBARES)
CAN/F 2003, 99 Min., FSK: 12
Regie und Drehbuch: Denys Arcand
Darsteller: Rémy Girard, Stéphane Rousseau, Marina Hands
17 Jahre nach Der Untergang des amerikanischen Imperiums versammelt Regisseur Denys Arcand seine damaligen Helden erneut vor der Kamera und sie erweisen sich zwar als alternde, dennoch überaus lebhafte Herrschaften:
Sébastien, vom Vater Prinz der Barbaren genannt, zieht sich ob seines kapitalistischen Lebenswandels zwar täglich dessen Schimpftiraden zu, ermöglicht Rémy jedoch durch die Beschaffung einer täglichen Dosis Heroin und anderer Annehmlichkeiten einen entspannten Abgang ...
Mittwoch, 23.6.2004
Rain Regentage (RAIN)
Neuseeland 2001, 92 Min., OmU
Regie und Drehbuch: Christine Jeffs
nach einem Roman von Kirsty Gunn
Darsteller: Alicia Fulford-Wierzbicki, Sarah Peirse
Neuseeland 1972: Die dreizehnjährige Janey verbringt den Sommer mit ihrer Familie an einem paradiesischen Strand. In das Sommeridyll, das sich mit Spannungen, Erwartungen und Vorahnungen auflädt, platzt Cady. Der Fotograf haust auf einem Boot und freundet sich mit der Familie an.
Die Mutter wirft ein Auge auf den Mann und beginnt eine beiläufige Affäre. Der Vater hält still. Die frühreife Tochter schaut sehr genau zu. Und tritt in die Fußstapfen der Mutter, klettert aufs Boot, bietet sich als Model an. Beinahe kaltblütig legt sie es darauf an, die Mutter mit den Waffen einer Frau zu schlagen.
Mittwoch, 30.6.2004 Michael Ballhaus Director of Photography
Gangs of New York
USA 2001, 166 Min., FSK: 16
Regie: Martin Scorsese
Kamera: Michael Ballhaus
Darsteller: Cameron Diaz, Leonardo DiCaprio, Daniel Day-Lewis
New York, in den sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts: Das Land steht kurz vor dem Bürgerkrieg und unter dem bevorstehenden Chaos droht die Gesellschaft auseinander zu brechen.
Für die Bewohner der Armenviertel von New York City tobte der Kampf allerdings schon lange und zwar direkt vor ihrer Haustür. Rivalisierende Gangs kämpften um die Vorherrschaft auf den Straßen. Gesetzlosigkeit und Korruption bestimmen sowohl die Politik wie das tägliche Leben der Stadt.
Der irische Einwanderer Amsterdam Vallon kehrt nach 16 Jahren in einer Erziehungsanstalt in den Five-Points-Distrikt zurück den Mord an seinem Vaters zu vergelten.
Michael Ballhaus vom Kameramann zum Director of Photography
Den Schwerpunkt im Programm des Kommunalen Kinos im zweiten Quartal 2004 bildet weder ein Genre, noch das Werk eines Regisseurs er ist auch nicht einem be-stimmten Produktionsland gewidmet. Wir möchten vielmehr die Aufmerksamkeit unseres Publikums auf die kreativen Menschen hinter der Kamera lenken und mit dem in New York, Los Angeles und Berlin lebenden Michael Ballhaus einen ihrer berühmtesten Vertreter in einer Miniretrospektive mit vier Filmbeiträgen vorstellen. Bei einem Gesamtwerk von über achtzig Kinofilmen in vierzig Jahren wird es dabei sicher ein hoffnungsloses Unterfangen bleiben, eine repräsentative Auswahl zu erreichen oder differenziert Linien einer ästhetischen Entwicklung herauszuarbeiten. Eckpunkte unserer Filmauswahl sind daher zwei Regisseure, mit denen Ballhaus besonders produktiv zusammengearbeitet hat und deren filmisches Schaffen durch Ballhaus Kameraarbeit sicherlich auch eine ganz eigene Prägung gefunden hat Rainer Werner Fassbinder und Martin Scorsese.
Die Verbindung dieser Namen macht deutlich, dass Ballhaus im Laufe seiner künstlerischen Entwicklung etwas gelungen ist, das nur wenige deutsche Filmschaffende wirklich erreicht haben: Nach einer bedeutenden Karriere in Deutschland schaffte er dauerhaft den Sprung in das amerikanische Filmgeschäft. Ihm und anderen großen Kamerakünstlern wie Sven Nykvist, Carlo Di Palma, Robby Müller oder Laszlo Kovacs ist es zu verdanken, dass die Arbeit mit dem Auge am Sucher zumindest in der englischsprachigen Welt mit dem Titel Director of Photography (am zutreffendsten mit Bildregisseur zu übersetzen) eine stärkere Würdigung im Gesamtprozess der Filmproduktion erfährt.
Ballhaus wurde als Sohn eines Schauspielerpaares 1935 in Berlin geboren. Während des Krieges zogen die Eltern in das weniger gefährliche Coburg, wo Michael in mildem kreativen Chaos heranwuchs (heute wäre wohl Patchwork-Familie die soziologisch korrekte Umschreibung der Lebensumstände seiner frühen Jahre). Nach dem Abitur und einer Fotografenlehre in Würzburg reifte in ihm der Wunsch, Kameramann zu werden, nachdem er 1955 die Gelegenheit hatte, die Dreharbeiten zu Max Ophüls Film LOLA MONTEZ am Set zu verfolgen. Vier Jahre später wurde Ballhaus vom Südwestfunk in Baden-Baden als Kameramann engagiert, wo er später als Chefkameramann bis 1966 arbeitete. Dort lernte er den jungen Regisseur Peter Lilienthal aus Berlin kennen, verstand sich auf Anhieb gut mit ihm und baute erstmals eine intensive Zusammenarbeit auf, die ihm später sogar den Weg nach Amerika bereiten sollte.
Nach frühen Kinoprojekten Ende der sechziger Jahre kam Michael Ballhaus in Kontakt mit Rainer Werner Fassbinder, mit dem er in den folgenden acht Jahren nicht weniger als 14 Spielfilme drehte. Die erfolgreiche Kooperation begann mit WHITY (Rainer Werner Fassbinder, BRD 1970) und fand ihren Endpunkt mit DIE EHE DER MARIA BRAUN (Rainer Werner Fassbinder, BRD 1978). Im Jahr zuvor hatten Fassbinder und Ballhaus mit DESPAIR (Despair Eine Reise ins Licht, BRD/F 1977) ihre erste gemeinsame internationale Großproduktion bestritten (die Hauptrollen in der Verfilmung eines Romans von Vladimir Nabokov spielten Dirk Bogarde und Andrea Ferréol). In MARTHA (Rainer Werner Fassbinder, BRD 1973) ist zum ersten Mal die legendäre 360&Mac176;-Kamerafahrt zu sehen, die in der Folge unendlich oft kopiert wurde und dennoch Ballhaus herausragendes Markenzeichen geblieben ist.
Die schönste Ballhaus-Rolle überhaupt ist vielleicht die in THE FABULOUS BAKER BOYS (Steve Kloves, USA 1989), wo seine Kamera die äußerst ansehnlich auf einen Konzertflügel drapierte Michelle Pfeiffer umkreist, während diese von Jeff Bridges am Piano begleitet in einer Sequenz von wunderbar knisternder Erotik ihren Song geradezu ins Mikrofon hineinräkelt. Nicht nur Bridges in seiner Filmrolle als Jack Baker war hingerissen auch die Kritiker überschlugen sich, und Michelle Pfeiffer selbst wird häufig mit der Aussage zitiert, diese Kreisfahrt habe ihre Karriere neu belebt. Dass die Einstellung gar nicht bis zum Ende im Film ist, sondern kurz vor dem Ende aufhört, ist für Ballhaus zwar ein echter Wermutstropfen sonst stört es aber fast niemanden.
Neben der Arbeit mit Fassbinder hat Ballhaus über die Jahre in Deutschland mit weiteren bedeutenden Film- und Bühnenregisseuren gearbeitet, so z.B. mit Peter Stein und Botho Strauß sowie mit Volker Schlöndorff, Hans W. Geißendörfer, Margarethe von Trotta und immer wieder mit Peter Lilienthal, für dessen Film DEAR MR. WONDERFUL (BRD 1981) Außenaufnahmen in New York gedreht wurden.
Bei dieser Gelegenheit traf der amerikanische Regisseur John Sayles mit Ballhaus zusammen und verpflichtete ihn für seinen Film BABY ITS YOU (USA 1982), der damit die erste US-Produktion mit Ballhaus hinter der Kamera wurde. Die Hauptrolle in DEAR MR. WONDERFUL spielte übrigens Joe Pesci, der noch eine Reihe weiterer Schauspieler mitbrachte, die immer wieder in Filmen von Martin Scorsese aufgetaucht sind. Die beiden Deutschen, die da mit einer amerikanischen Crew in New York eine deutsche TV-Produktion drehten, hatten sozusagen die zweite Reihe der Scorsese-Riege in ihrem Film. Ballhaus sollte sie bald darauf wiedertreffen, machte jedoch zunächst mit kleineren Projekten in den USA auf sich aufmerksam.
AFTER HOURS (Die Zeit nach Mitternacht, Martin Scorsese, USA 1984) war der erste von sechs Filmen, die Martin Scorsese als Regisseur bislang mit Michael Ballhaus als Director of Photography realisiert hat. Bereits in dieser ersten Zusammenarbeit wurde deutlich, dass sich die beiden hervorragend ergänzen Scorsese, der seine Filme schon vor dem Dreh sehr stark vom Bild her denkt und Ballhaus, der die visuellen Konzepte Scorseses in exakte Bildwinkel übersetzt, die die Atmosphäre einer Situation nahezu perfekt einfangen können: bedrückende Enge, schnelle Kamerafahrten, weite Räumlichkeiten, drohende Gefahr und immer wieder kreisende Bewegungen, bei denen die Kamera scheinbar schwerelos schwebt, doch im nächsten Moment zu rasanten Flügen ansetzt (wie z.B. in AFTER HOURS, als die Kamera den Sturz eines Schlüsselbundes begleitet, der aus einem Fenster heraus einer auf der Straße stehenden Person zugeworfen wird).
Unmittelbar nach AFTER HOURS drehte Volker Schlöndorff mit Ballhaus an der Kamera seine viel beachtete Adaption des Arthur-Miller-Stücks DEATH OF A SA-LESMAN (Tod eines Handlungsreisenden, USA/BRD 1985), in dem Dustin Hoffman die Titelrolle spielte. Danach arbeitete Ballhaus fast ausschließlich mit US-Regisseuren (mit Ausnahme von Wolfgang Petersen, für den er OUTBREAK (Outbreak lautlose Killer, USA 1994) und AIR FORCE ONE (USA 1996) filmte), u.a. mit Frank Oz, Francis Ford Coppola, Barry Levinson und Robert Redford.
Einem Nebenzweig seiner Tätigkeit dem Drehen von Videoclips u.a. für Bruce Springsteen, Madonna und Prince ist es wohl zuzuschreiben, dass Ballhaus auch die Kamera bei einer Regiearbeit des Sängers Prince führte (UNDER THE CHERRY MOON Unter dem Kirschmond, USA 1985). Mit Mike Nichols drehte Ballhaus bisher vier Filme, darunter auch die brillante Politsatire PRIMARY COLORS (Mit aller Macht, USA 1997).
Filmografie Michael Ballhaus (Auswahl):
TRAUMLAND DER SEHNSUCHT (Wolfgang Müller-Sehn, BRD 1958; Dokumentarfilm); DIE NACHBARSKINDER (Peter Lilienthal, BRD 1960); DAS MARTYRI-UM DES PETER OHEY (Peter Lilienthal, BRD 1964); ABSCHIED (Peter Lilienthal, BRD 1965); WHITY (Rainer Werner Fassbinder, BRD 1970); WARNUNG VOR EINER HEILIGEN NUTTE (Rainer Werner Fassbinder, BRD 1970); DIE BITTEREN TRÄNEN DER PETRA VON KANT (Rainer Werner Fassbinder, BRD 1972); MARTHA (Rainer Werner Fassbinder, BRD 1973); FAUSTRECHT DER FREIHEIT (Rainer Werner Fassbinder, BRD 1974); MUTTER KÜSTERS FAHRT ZUM HIMMEL (Rainer Werner Fassbinder, BRD 1975); SOMMERGÄSTE (Peter Stein, BRD 1975); SATANSBRATEN (Rainer Werner Fassbinder, BRD 1975); CHINESISCHES ROULETTE (Rainer Werner Fassbinder, F/BRD 1976); BOLWIESER (Rainer Werner Fassbinder, BRD 1976/77); FRAUEN IN NEW YORK (Rainer Werner Fassbinder, BRD 1977); DESPAIR (Despair Eine Reise ins Licht, BRD/F 1977); DEUTSCHLAND IM HERBST (Episodenfilm, Episode von Rainer Werner Fassbinder, BRD 1977); DIE EHE DER MARIA BRAUN (Rainer Werner Fassbinder, BRD 1978); DER AUFSTAND (Peter Lilienthal, BRD 1979); DER ZAUBERBERG (Hans W. Geißendörfer, BRD/F/I 1981); BABY ITS YOU (John Sayles, USA 1982); HEARTBREAKERS (Die Herzensbrecher, Bobby Roth, USA 1984); AFTER HOURS (Die Zeit nach Mitternacht, Martin Scorsese, USA 1984); THE HOUSE ON CARROLL STREET (Das Haus in der Carroll Street, Peter Yates, USA 1986); THE GLASS MENAGERIE (Die Glasmenagerie, Paul Newman, USA 1986); THE COLOR OF MONEY (Die Farbe des Geldes, Martin Scorsese, USA 1986); THE LAST TEMPTATION OF CHRIST (Die letzte Versuchung Christi, Martin Scorsese, USA 1987); WORKING GIRL (Die Waffen der Frauen, Mike Nichols, USA 1988); GOODFELLAS (GoodFellas Drei Jahrzehnte in der Mafia, Martin Scorsese, USA 1989); WHAT ABOUT BOB (Was ist mit Bob, Frank Oz, USA 1990); BRAM STOKERS DRACULA (Dracula, Francis Ford Coppola, USA 1991/92), QUIZ SHOW (Robert Redford, USA 1993); SLEEPERS (Barry Levinson, USA 1995); THE AGE OF INNOCENCE (Zeit der Unschuld, Martin Scorsese, USA 1992); THE LEGEND OF BAGGER VANCE (Die Legende von Bagger Vance, Robert Redford, USA 1999); GANGS OF NEW YORK (Martin Scorsese, D/I/USA 2000/2001)
Horst Ebert
Jeweils Mittwoch um 20 Uhr im CinemaxX im K3
Eintritt: EUR 4.50, OmU = Originalfassung mit deutschen Untertiteln.
Vorverkauf ab Dienstag an der Kinokasse, telefonisch unter HN-9190919 oder unter www.cinemaxx.de.
Die Filmtexte entstammen auszugsweise, soweit nicht extra vermerkt, von den Seiten "www.spielfilm.de".
Unsere Aktivitäten werden gefördert durch die Stadt Heilbronn sowie die Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg.