Unser Programm April - Juni 2003: Schwerpunkt "Dokumentarfilme"
2.4.2003: The Harder they Come
Jamaika 1972, 88 Min., OmU
Regie: Perry Henzel
Musik: Jimmy Cliff, Desmond Dekker, Toots and the Maytals u.a.
Darsteller: Jimmy Cliff, Janet Bartley, Carl Bradshaw
Mit Jimmy Cliff, dem Reggae-Musiker, als Volkshelden in der Hauptrolle, verweist der Film auf die elenden Zustände in den übervölkerten Slums von Kingston, der Hauptstadt Jamaikas. Der distanzierte Regiestil betont die dokumentierende Absicht des Films. So entstand, gleichberechtigt neben der eigentlichen Spielfilmhandlung, eine beeindruckende, aufrüttelnde Dokumentation über die sozialen Verhältnisse auf Jamaika. Und da der Film großen Wert auf den Reggae legt, kommen natürlich die Freunde dieser Musik voll auf ihre Kosten.
9.4.2003: Promises (in Zusammenarbeit mit dem Theater Heilbronn)
USA 2001, 106 Min., OmU
Regie: Justine Shapiro, B.Z. Goldberg, Carlos Bolado
"Promises" zeigt ein menschliches Portrait des israelisch-palästinensischen Konflikts. Über vier Jahre hat das Filmteam das Leben von sieben Kindern aus Jerusalem begleitet. Sie wohnen nicht weiter als 20 Autominuten voneinander entfernt und doch trennen sie Welten. Die Kinder, zwischen 9 und 13 Jahren alt, sprechen über verschiedene Facetten des Konflikts. Alt genug, sich zu artikulieren und zu jung für die Analysen der Erwachsenen, spiegeln sie ihre jeweilige Kultur und zeichnen ein Bild der kommenden Generation. Der Film geht den Grenzen zwischen diesen Kindern nach und erzählt die Geschichte von einigen wenigen, die es gewagt haben, die Grenzen zu überschreiten, um ihre Nachbarn kennen zu lernen.
16.4.2003: Life According to Agfa (in Zusammenarbeit mit dem Theater Heilbronn)
(HA-CHAYIM AL-PI AGFA)
Israel 1992, 100 Min., FSK: 16, OmU
Regie: Assi Dayan
Darsteller: Sharon Alexander, Gila Almagor, Shmil Ben Ari
Eine lange Nacht in einer Bar, irgendwo in Tel Aviv: Zufluchtsort und Kriegsschauplatz zugleich. Hier prallen aufgeheizte Soldaten auf liberal gesinnte Bohème, arabische Intifada-Anhänger auf progressive Israelis und radikale Zionisten. Hier begegnen sich Aufreißer und Lebensmüde, Junkies und Polizisten, und mit ihnen alle Arten von Widersprüchen, die das Leben bereithält: Aggressivität und Zärtlichkeit, Lebenshunger und Verzweiflung, offener Hass und liebevoller Humor.
Daliah und Leora betreiben die "Barbie Bar" in Tel Aviv, Treffpunkt von Menschen, die von den ethnischen Gegensätzen und gewalttätigen Spannungen der israelischen Gesellschaft geprägt sind. Leora ist Hobbyfotografin, steht hinter den Tresen und fotografiert die Gäste und Angestellten mit einem lichtempfindlichen Film von Agfa.
23.4.2003: Jeder ist ein Star (LEDEREEN BEROEMD!)
B/NL/F 2000, 99 Min., FSK: 6
Regie: Dominique Derrudere
Darsteller: Josse de Pauw, Eva van der Gucht
Der Fabrikarbeiter Jean träumt davon, seine plumpe Teenagertochter Marva in eine Pop-Prinzessin zu verwandeln; er selbst wäre gern Songwriter. So schleppt er Marva zu Show-Wettbewerben - die allesamt sehr peinlich enden. Als Jean seinen Job verliert, verbeißt er sich noch mehr in seine absurde Idee. Schließlich entführt er den Pop-Star Debbie: Er will ihren Agenten zwingen, seine Marva im Fernsehen auftreten zu lassen. Was sich dem Titel nach als durchkonfektionierte "Glitter"-Variante ausnimmt, stellt tatsächlich eine bittere Gesellschafts- und Mediensatire dar, die in ihrer beklemmenden Entwicklung unerwartet einen Haken Richtung Medienmärchen nimmt. Doch nicht nur die Kombination ist nahezu einzigartig, auch gelingt dem Niederländer Dominique Derrudere ("Suite 16") eine selten so gelungene Gratwanderung zwischen Sentimentalität und Kitsch, zwischen dem Traurigen und dem Komischen.
Die erste Hälfte gerät ganz nach Scorceses bösartigem "King of Comedy" und ebnet den Weg für eine Sozialtragödie mit kurzer Lunte. Das schnürt die Kehle zu, lässt sich aber arg vorhersehen. Erst ein nahezu unbemerkter Schwenk ins Absurde ändert den tristen Ton und öffnet unerwarteten Einfällen Tür und Tor. Dann ist alles möglich, ein postmodernes "anything goes" mit eingebauter Happy-End-Garantie nimmt seinen Lauf.
30.4.2003: The Navigators
Großbritannien 2001, 96 Min., OmU
Regie: Ken Loach
Darsteller: Dean Andrews, Tom Craig, Joe Duttine, Steve Huison, Venn Tracey
Scheffield 1994: Einen Tag nach der Privatisierung der Britischen Eisenbahn werden auf dem Betriebsgelände die Firmenschilder ausgewechselt und die Arbeiter vor die Wahl gestellt, mit einer Abfindung das Unternehmen zu verlassen oder neue Verträge zu anderen Konditionen zu akzeptieren.
Paul, Mick, Jim, Len und Gerry, die schon seit Jahren für die British Rail arbeiten und nicht nur Kollegen, sondern auch enge Freunde sind, machen sich zunächst nur lustig über ihren neuen Arbeitgeber und die kuriosen Folgen der Privatisierung. Sie merken aber sehr bald, dass die Veränderungen in ihrem Arbeitsleben und die Neuordnung des Schienennetzes sich unwiderruflich auf ihr ganzes Leben und vor allem auch auf ihre Freundschaft auswirkt.
Als es bei Gleisarbeiten zu einem schweren Unfall kommt, müssen sie sich entscheiden, auf welcher Seite sie stehen wollen.
7.5.2003: Absolut Warholla
Deutschland 2001, 80 Min.
Regie: Stanislaw Mucha
Irgendwo im Nirgendwo, zwischen der Slowakei, Polen und der Ukraine, steht das einzige Pop-Art-Museum Europas. Stanislaw Muchas dokumentarische Komödie gräbt in Medzilaborce und im Nachbardorf Miková die Wurzeln des amerikanischen Künstlers Andy Warhol aus.
Dessen Sippe lebt noch immer dort: Tanten, Vettern und Kusinen haben Zeit, Schnaps, einander, aber keine Arbeit. Von Warhol hat jeder eine eigene Vision, sein Name wurde für sie zum Mythos.
14.5.2003: Happy Times (XINGFU SHIGUANG)
China 2001, 96 Min., FSK: 6
Regie: Zhang Yimou
Darsteller: Li Xuejian, Zhao Benshan, Dong Jie
Der pensionierte Fabrikarbeiter Zhao ist seit Jahren vergeblich auf Brautschau. Um seine geldgierige neue Flamme davon zu überzeugen, dass er ein reicher Mann ist, braucht er dringend 50.000 Yuan. Zhaos bester Freund hat eine Idee: Beide bauen einen alten, abgewrackten Bus in ein Liebeshotel für junge Pärchen um. Das Geschäft läuft gut an, und schon gibt sich Zhao gegenüber seiner Braut als Hotelmanager aus. Die wittert eine Chance ihre blinde Stieftochter Wu Ying loszuwerden und verlangt von Zhao, dass er ihr einen Job in seinem Hotel verschafft. Als Zhao jedoch mit dem jungen Mädchen den Bus aufsucht, wird dieser gerade von einem Kran verschrottet. Damit seine geldgierige Braut nichts von seiner wahren Existenz erfährt, und auch aus Mitleid mit der unschuldigen Stieftochter, inszeniert Zhao zusammen mit seinen Freunden ein aberwitziges Täuschungsmanöver.
21.5.2003: Roger and Me
USA 1989, 87 Min., OmU
Regie: Michael Moore
Mit diesem Film wurde "Bowling for Columbine"-Filmer Michael Moore berühmt: Die Stadt Flint lebte fast ausschließlich von General Motors. In den 80er Jahren verlagerte deren Vorstandsvorsitzender Roger Smith elf Fabriken von Flint nach Mexiko und setzte 30.000 Arbeiter auf die Straße. Im Verlauf von drei Jahren versucht Moore vergeblich, den für den Niedergang der Stadt Verantwortlichen nach Flint zu holen, beobachtet die Entwicklung der Stadt, spricht mit ihren Einwohnern und stellt verschiedene Sichtweisen der Problematik vor. Der Grundton ist dabei ein Sarkasmus, der auch vor der Person des Regisseurs nicht halt macht. Der bitterböse, hemmungslos subjektive Film wurde zu einem der erfolgreichsten Dokumentarfilme aller Zeiten.
28.5.2003: Jalla! Jalla!
Schweden 2000, 88 Min., OmU
Regie: Josef Fares
Darsteller: Fares Fares, Torkel Petersson, Tuva Novotny
Mans und Roro sind die besten Freunde und arbeiten zusammen als Tierwärter. Sie müssen alle langweiligen Jobs erledigen, wie den Ententeich säubern oder Hundehaufen wegkehren. Nichtsdestotrotz finden sie, dass sie eigentlich ziemlich cool und "voll die Helden" sind. Die Tage vergehen ruhig und ereignislos, bis Mans plötzlich aus heiterem Himmel keine Erektion mehr bekommt - und Roro mit der Tatsache konfrontiert, dass er nur noch eine Woche Zeit hat, seine bevorstehende Hochzeit zu verhindern.
4.6.2003: Im Banne des Jadeskorpions (THE CURSE OF THE JADE SCORPION)
USA 2001, 103 Min., FSK: 6
Regie: Woody Allen
Darsteller: Helen Hunt, Charlize Theron, Woody Allen, Dan Aykroyd
Woody Allen ist diesmal ein smarter Versicherungsdetektiv und Frauenheld namens C.W. Briggs, im New York der vierziger Jahre. Er muss sich nicht nur mit der neuen, ehrgeizigen Mitarbeiterin Betty Ann herumärgern, nein, er wird auch noch hypnotisiert: Der durchtriebene Magier Voltan programmiert ihn auf nächtliche Raubzüge. Nacht für Nacht plündert Briggs Tresore, deren Sicherheitsanlagen er selbst konstruiert hat. Morgen für Morgen wird er mit dem perfekten Verbrechen konfrontiert. Schließlich fällt sein Verdacht auf Betty Ann.
Als auffälligstes Merkmal von Allens 35. Film sticht die durchdachte, straffe Handlungsführung hervor, die unzählige messerscharfe Dialogduelle zwischen ihm und der fabelhaften Helen Hunt zu einem Feuerwerk verdichtet. Klamauk bleibt außen vor, wenn sich Hommage und Krimi die Waage halten. Dann leben Bars und Spelunken, Mode und Zeitgeist der 40er Jahre auf und bleiben nicht nur reine Schauwerte. Äußerst frech werden Ideen aus Fritz Langs "Dr. Mabuse" eingespannt und auf amüsante Weise sowohl parodiert, als auch clever zur Spannungserzeugung eingesetzt.
11.6.2003: Black Box BRD
Deutschland 2001, 105 Min., FSK: 12
Regie: Andreas Veiel
Der Film porträtiert den RAF-Terroristen Wolfgang Grams und Alfred Herrhausen, den Vorstandssprecher der Deutschen Bank, der bei einem RAF-Attentat ums Leben kam. Unter anderem kommen die Witwe Herrhausen und Wolfgang Grams Mutter und Bruder zu Wort.
18.6.2003: Montag Morgen (LUNDI MATIN)
Frankreich/Italien 2001, 120 Min., OmU
Regie: Otar Iosseliani
Darsteller: Jacques Bidou, Anne Kravz-Tarnavsky, Narda Blanchet, Radslav Kinski
Jeden Montagmorgen setzt für Vincent die gleiche Routine ein: um fünf Uhr aufstehen, anderthalb Stunden Fahrt in die Fabrik, wo ein monotoner Job auf ihn wartet - außerdem Rauchverbot unterwegs, Rauchverbot bei der Arbeit. Wenn er schließlich wieder zu Hause angekommen ist und sich seiner wahren Leidenschaft - der Malerei - zuwenden möchte, fängt die eigene Familie an, ihn herumzukommandieren. Vincent hält es nicht länger aus. Er hat genug: Von der Fabrik, seiner Frau, den Kindern und von den verschrobenen Gestalten im Dorf: dem alten Albert, der jeden Tag dieselbe Strecke geht; dem Briefträger, der die Post des ganzen Orts liest; dem Pfarrer, der den Frauen nachgafft; und auch von dem seltsamen Krokodil, das am Halsband ausgeführt wird.
So beschließt Vincent eines Tages, sich die Welt anzuschauen und Abenteuer zu erleben. Von seinem alten Vater leiht er sich Geld und setzt sich in den Zug nach Venedig. Als der Zug dort einläuft, wacht er auf. Es ist Sonntag, die Leute lächeln, er verbringt einen wunderbaren Tag und freundet sich mit dem Venezianer Carlo an. Doch Carlo ist Arbeiter wie er selbst, und auch bei ihm klingelt der Wecker am Montagmorgen um fünf Uhr. Vincent nimmt erneut Reißaus.
25.6.2003: Reggae Sunsplash
Deutschland 1979, 120 Min., OmU
Regie: Stefan Paul
Darsteller/Musik: Peter Tosh, Third World, Burning Spear, Bob Marley, Inner Circle
Ausgehend vom Montego Bay Sunsplash Festival (Jamaika) im Juli 1979 erklärt der Film die Wurzeln der zwischen Mystik und Rebellion sich bewegenden Reggae-Musik und der von Marcus Garvey begründeten Rastafari-Bewegung vor dem Hintergrund sozialer Missstände in Jamaika. Außerdem wird der Stellenwert von internationalen Stars wie Peter Tosh und Bob Marley kritisch hinterfragt. Für Reggae-Freunde packend und informativ.
Gegenseiten.
Israelis und Palästinenser.
Am 5. April findet im Theater Heilbronn die Uraufführung des Theaterstücks von Anat Gov, Elisheva Greenbaum, Dorine Munayyer, Ilan Hatsor, Sameh Hijazi, Imad
Jabarin, Motti Lerner und Salman Natour statt. Zuvor findet am 30. März eine "Erste Begegnung" mit dem Thema des Stücks in Form einer Lesung mit Diskussion
statt. Am 6. April bietet die "Zweite Begegnung" Gelegenheit zur Begegnung mit den Autorinnen und Autoren.
Das Kommunale Kino Heilbronn zeigt anlässlich dieses Theaterprojekts in Kooperation mit dem Theater Heilbronn am
9. April den Dokumentarfilm PROMISES und am 16. April den Spielfilm LIFE ACCORDING TO AGFA.
Der Dokumentarfilm - Ein Überblick...
Die Trennung zwischen "Dokumentarfilm" und "Spielfilm" erfolgte in der Geburtsstunde des Kinos: Schon 1895, als die Gebrüder Lumière ihre Filme erstmals öffentlich aufführten, wurde mit L'ARROSEUR ARROSÉ (Der begossene Gärtner, F, 1895) dem staunenden Publikum ein Film mit einer einfachen Spielhandlung vorgeführt.
In dieser frühen Slapstick-Geschichte gießt ein Gärtner die Rosen, ein Junge schleicht sich heran und tritt auf den Schlauch. Der Wasserstrom versiegt, der Gärtner guckt verdutzt die Schlauchspitze an, der Junge hebt in diesem Moment die Blockade auf, der Gärtner wird nassgespritzt, sieht den Jungen und haut ihn. Ohne Zweifel ist hier die Morgendämmerung des "fiktionalen Kinos" zu erkennen, während fast alle anderen Produktionen der Lumières eindeutig "dokumentarischen" Charakter haben. Der berühmteste - L'ARRIVÉ D'UN TRAIN EN GARE DE LA CIOTAT (Ankunft eines Zuges, F, 1895) - soll durch seine Authentizität auf manche Besucher der Vorstellung so erschreckend gewirkt haben, dass sie fluchtartig den Saal verlassen wollten. Während dieser und andere Filme der Gebrüder Lumière als frühe Beiträge zu dem als "Aktualitäten" bezeichneten Subgenre des Dokumentarfilms (dazu gehört auch die spätere "Wochenschau") gelten, zeigen andere eher ins private gehende Themen (ein Baby erhält sein Frühstück, Männer sitzen bei einer Partie Karten) und weisen somit den Weg zu später entstehenden soziologisch oder ethnografisch geprägten Schulen des Dokumentarismus.
Dazu gehören auch die bekanntesten Arbeiten des amerikanischen Dokumentarfilmers Robert Flaherty, NANOOK OF THE NORTH (Nanuk der Eskimo, USA 1922) und MEN OF ARAN (Die Männer von Aran, GB 1934). Andere Vertreter des US-Dokumentarfilms vor 1941 verfolgten wie Paul Lorentz einen aufgeklärten Rationalismus (z.B. mit THE PLOUGH THAT BROKE THE PLAINS/Der Pflug, der die Felder brach, USA 1936 und THE RIVER, USA 1937) oder nahmen Partei für die spanische Republik im Bürgerkrieg und für den demokratischen Sozialismus, wie die in der Produktionsgesellschaft Frontier Films zusammengeschlossenen Regisseure Leo Hurwitz, Paul Strand und Irving Lerner (HEART OF SPAIN/Spaniens Herz und NATIVE LAND/Vaterland, beide USA 1937). Im selben Jahr drehte der Niederländer Joris Ivens, einer der bedeutendsten Dokumentarfilmregisseure überhaupt, unter Beteiligung von John Dos Passos und Ernest Hemingway mit SPANISH EARTH (Spanische Erde, USA 1937) den vielleicht wirkungsvollsten Film über den spanischen Bürgerkrieg.
In Europa haben ab 1920 die russische Revolution und der Konstruktivismus in den Dokumentarfilmen Alexander Rodtschenkos die Formen- und Bildsprache des Films nachhaltig beeinflußt. Dsiga Vertov griff in der Zeit des Bürgerkrieges gegen die "weißen" Truppen mit mobilen Vorführungen seiner dokumentarischen Agitationsfilme unmittelbar ins revolutionäre Geschehen ein und trug mit seinen Werken auch zur Entstehung der berühmten Schnitt- und Montagetechnik von Eisenstein und Pudowkin bei. Bei Alberto Cavalcanti (RIEN QUE LES HEURES/Nichts als Stunden, F 1926) und in den Kurzfilmen von Walter Ruttmann ("OPUS I-IV"), vor allem aber in dessen berühmtem Film BERLIN - SINFONIE DER GROSSSTADT (D 1927) sind diese Einflüsse im Rhythmus und im Tempo sehr deutlich erkennbar und führten dennoch zu einer eigenständigen Form, die prominente Nachahmer wie z.B. Jean Vigo fand (A-PROPOS DE NICE, F 1929), jedoch auch Kritiker auf den Plan rief (z.B. Siegfried Kracauer in "Theorie des Films"). Ruttmann selbst versank später in Bedeutungslosigkeit und hat sich ohne erkennbaren Widerstand vor den Karren der Nazi-Propaganda spannen lassen. Sein geringes Interesse am Individuum und sein filmischer Einsatz von Menschenmassen als rhythmisches Muster hat ihm zudem den Vorwurf eingetragen, einer der Wegbereiter der faschistischen Ästhetik Leni Riefenstahls gewesen zu sein. In der Tat ist es - formal gesehen - kein weiter Weg von BERLIN - SINFONIE DER GROSSSTADT bis hin zu Riefenstahls glorifizierendem Reichsparteitags-Film TRIUMPH DES WILLENS (D 1934) oder dem später folgenden OLYMPIA (D 1936).
Als wichtigste Vertreter des britischen Dokumentarfilms vor 1945 gelten John Grierson und vor allem Humphrey Jennings, der mit seinen volksnahen und aufrüttelnden Beiträgen den Widerstandswillen der Briten zu Zeiten der "Battle of Britain" (LONDON CAN TAKE IT, 1940) und später (FIRES WE STARTED, 1943) gestärkt hat. Auch in Hollywood entstanden 1941 - 45 neben antifaschistischen Spielfilmen auch Dokumentarfilme bedeutender Regisseure zu propagandistischen Zwecken, so z.B. William Wylers patriotische Bombenkriegs-Dokumentation MEMPHIS BELLE (USA 1944). In John Hustons THE BATTLE OF SAN PIETRO (Die Schlacht von San Pietro, USA 1944) und in seinem wenig später gedrehten LET THERE BE LIGHT (Es werde Licht, USA 1945) wurden die Schrecken des Krieges allerdings so realistisch belassen, dass das Psychological Warfare Departement von Einsätzen weitgehend absah.
Unmittelbar nach Kriegsende und später zeichneten französische Dokumentarfilme wie René Cléments BATAILLE DU RAIL (Schienenschlacht, F 1945) und Marcel Ophüls' LE CHAGRIN ET LA PITIÉ (Das Haus nebenan - Chronik einer französischen Stadt im Kriege, CH/BRD 1969) verschiedene Bilder Frankreichs unter deutscher Besatzung, während Regisseure wie Alain Resnais mit NUIT ET BROUILLARD (Nacht und Nebel, F 1955) und Claude Lanzmann mit SHOAH (1974-85) auf eindrucksvollste Weise das Grauen des millionenfachen Massenmordes in deutschen Konzentrationslagern schilderten.
Cinéma Vérité, Direct Cinema und das Cinéma Militant der 70er Jahre - diese und weitere Spielarten des dokumentarischen Kinos haben weitere bedeutende Protagonisten und Werke hervorgebracht, können aber in diesem Überblick nicht weiter gewürdigt werden. Im Kino wurden spätestens nach 1910 die dokumentarischen Formen weitgehend vom Spielfilm verdrängt; allerdings hat sich mit der "Wochenschau" ein Brückenkopf des Dokumentarfilms bis weit in die 50er Jahre gehalten. In der filmtheoretischen Diskussion - und mit zunehmender Bedeutung des Fernsehens auch dort - spielte der Dokumentarfilm jedoch immer eine bedeutende Rolle. Besonders nach 1968 bis in die 80er Jahre wurden dabei heftige, teils ideologisch geführte Kontroversen ausgetragen. Nach dem deutschen Dokumentarfilmer Helmut Herbst bilden der "dokumentarische Film" und der "synthetische Film" zwei Extrempunkte: Im ersten Fall gehe es um die "neutrale" Aufzeichnung der Außenrealität, während im zweiten Fall eine "Gegenrealität" künstlich erzeugt wird. Inzwischen hat sich aber die Erkenntnis durchgesetzt, dass allein schon die Anwesenheit einer Kamera die abzubildende Wirklichkeit beeinflusst und verändert.
Schon immer werden in Spielfilmen "dokumentarische" Einschübe und Stilmittel verwendet (z.B. werden Ausschnitte aus Wochenschauen und Fernsehnachrichten eingebaut, um das historische Umfeld der Handlung zu definieren oder Handkameras verwendet, um den Eindruck von "Authentizität" zu vermitteln und Tempo und Dynamik zu erzeugen). So gehen in 23 - NICHTS IST SO WIE ES SCHEINT (Hans-Christian Schmid, D 1998) Fernsehbilder von der großen Anti-Atom-Demonstration in Brockdorf unmittelbar in die Spielhandlung über und ist die mobile Kamera in der Eröffnungssequenz von SAVING PRIVATE RYAN (Der Soldat James Ryan, Stephen Spielberg, USA 1998) so beängstigend dicht am Geschehen, dass die etwa 2o-minütige Szene die gleiche Wirkung erzeugt wie die lange verschollenen Dokumentaraufnahmen des US-Regisseurs John Ford von der Invasion am OMAHA-Strand.
Eine besondere Variante stellen Spielfilme dar, die wie Dokumentarfilme wirken (sollen), wie z.B. ZELIG (Woody Allen;, USA 1982) und BLAIR WITCH PROJECT (The Blair Witch Project, Daniel Myrick, Eduardo Sanchez, USA 1999). Letzterer spielte in der Machart und bei der Vermarktung übers Internet so geschickt mit der Behauptung, es handele sich um "authentisches" Material, dass der Film bei sehr geringen Produktionskosten ein gigantischer kommerzieller Erfolg wurde. Das Kommunale Kino stellt in seiner Reihe insgesamt sechs Dokumentarfilme vor, darunter ROGER AND ME (USA 1989) von Michael Moore, dessen Überraschungserfolg BOWLING FOR COLUMBINE (USA 2002) im vergangenen Quartal lief und BLACK BOX BRD (D 2001) von Andreas Veiel, von dem das KoKi bereits DIE ÜBERLEBENDEN (D 1996) zeigte.
Horst Ebert
Jeweils Mittwoch um 20 Uhr im CinemaxX im K3
Eintritt: EUR 4.50, OmU = Originalfassung mit deutschen Untertiteln.
Vorverkauf ab Dienstag an der Kinokasse, telefonisch unter HN-9190919 oder unter www.cinemaxx.de.
Die Filmtexte entstammen auszugsweise, soweit nicht extra vermerkt, von den Seiten "www.spielfilm.de".
Unsere Aktivitäten werden gefördert durch die Stadt Heilbronn sowie die Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg.