Unser Programm Januar - März 2003: Schwerpunkt "Stanley Kubrick"

1.1.2003: Monday
Japan 2000, 105 Min., OmU
Regie: Sabu
Darsteller: Ren Osugi, Masanobu Ando, Shinichi Tsutsumi Mit spürbarem Vergnügen rollt der japanische Regisseur Sabu seine Geschichte von den dummen Zufällen, die zum Amoklauf führen, von hinten auf und entdeckt so einen fruchtbaren Nährboden für eine wahnwitzige Satire.
Wie eine Persiflage auf Joel Schumachers "Falling Down" wandelt sich das Bild vom zahmen, angepassten Angestellten zum unberechenbaren Mann ohne Gnade von Charles-Bronson-Format. Dabei beginnt Sabu (Hiroyuki Tanaka) gemächlich, um sich dann in einen unaufhaltsamen Höhepunkt hineinzusteigern. Seitenhiebe auf die japanische Disziplingesellschaft und ihre Opfer hagelt es ebenso wie auf traditionelle Gebräuche, die meist noch aus der Kaiserzeit stammen, sowie die allgegenwärtige Yakuza und ihr unverschämtes Selbstbewusstsein.
Der Spaß steht dabei eindeutig im Vordergrund, wenn sich die Leichen auf groteske, aber nicht allzu brutale Tarantino-Weise häufen. Augenzwinkernd parodiert Sabu dabei die Mechanismen von Selbstjustiz-Thrillern, die für ihn eine Spielwiese sind, sein famoses Talent zu beweisen. Mit dem unerwarteten Ende krönt er seinen vierten Film mit einer willkommenen Botschaft, die unvergleichlich komisch dargeboten wird.

8.1.2003: Eyes Wide Shut
Großbritannien 1999, 155 Min., FSK: 16
Regie: Stanley Kubrick
Darsteller: Tom Cruise, Nicole Kidman, Sydney Pollack, Marie Richardson
Alles beginnt mit einer Party, die das New Yorker Ehepaar Bill und Alice besucht. Während Alice sich mit einem Fremden unterhält, der eindeutig Sex von ihr will, beschäftigt sich ihr Mann mit zwei Models. Einen Tag später unterhalten Bill und Alice sich über die Party - und natürlich auch über die Bekanntschaften, die sie dort gemacht haben. Dies führt schließlich zu unerwarteten Geständnissen, bei beiden blitzt die Eifersucht auf, da wird Bill zu einer Frau gerufen, deren Vater gerade gestorben ist. Der Besuch wird zum Anfang einer nächtlichen Wanderung durch New York, die Bill in einen Strudel aus Lügen und Maskeraden, sexuellen Obsessionen und Eifersucht reißen, die Traum und Wirklichkeit verschwimmen lassen.
Der Film basiert auf Arthur Schnitzlers "Traumnovelle", einem 1926 erschienenen und im Wien der Jahrhundertwende angesiedelten psychologischen Roman mit Freudschen Anklängen. Kubrick verlegte die Handlung ins zeitgenössische New York, ohne aber Tenor und Tonfall des Romans markant zu aktualisieren.
Es geht um Sex und Seitensprünge, doch diese finden - entgegen aller sprießenden Gerüchte und Legenden - nur in den Köpfen der Figuren statt. Der Film ist ein in Blau und Rot getauchter Wachtraum um verpasste Chancen und intime Begierden. Bills Streifzug durch das (in England nachgebaute) nächtliche New York ist an beinahe jeder Ecke mit Versuchungen durchsetzt, und Kubrick lässt es sich nicht nehmen, dabei auch Spielarten wie Pädophilie, Homosexualität und Nekrophilie wenigstens anzudeuten. Dann aber folgt die reuevolle Rückkehr in den Schoß von Ehefrau und Tochter.

15.1.2003: Bob Marley - Live in Concert
Deutschland 1998, 65 Min.
Regie: Stefan Paul
Darsteller: Bob Marley u.a.
Filmemacher Stefan Paul widmet sich in seinem Dokumentarfilm voll und ganz dem Reggaestar Bob Marley. Der jamaikanische Musiker starb im Mai 1981 auf dem Weg von einem deutschen Sanatorium zu seiner Mutter in Miami an Hautkrebs. Seiner Beerdigung nahe der jamaikanischen Stadt Kingston wohnten 500.000 Menschen bei. Stefan Paul verwendete in seiner Dokumentation Aufnahmen von Marleys Auftritt auf dem Reggae Sunsplash Festival in Jamaika 1979 sowie von einem Konzert 1980 in Dortmund, wo Marley auf seiner letzten Tournee halt machte. Neben den bekanntesten Songs Marleys wie "No woman, no cry", "Get up, stand up" und "Exodus" finden sich auch noch unbekanntes Tonmaterial sowie Aufnahmen aus Bob Marleys Heimat Kingston.

22.1.2003: Franz Kafka: Der Prozess - In Zusammenarbeit mit dem Freundeskreis Ortsbücherei Flein
D/F/I 1962, 118 Min.
Regie: Orson Welles
Darsteller: Anthony Perkins, Jeanne Moreau, Orson Welles, Romy Schneider
Der kleine Angestellte Josef K. wird eines Tages unter die Aufsicht einer obskuren Justizbehörde gestellt. Sein Prozess schleppt sich dahin, ohne dass der Angeklagte über Sitz, Funktion und Absicht des Gerichts Genaueres erfährt. Versuche, über Frauenbekanntschaften und Mittelspersonen zum Ziel zu kommen, scheitern. Am Ende wird K. von den übermächtigen Instanzen hingerichtet. Kafkas "Prozess" wird in der Filmfassung von Orson Welles zu einem düster-expressionistischen Kinoalbtraum verdichtet. Die Inszenierung fesselt durch ihre optische Brillanz und durch virtuos verfremdete Schauplätze. Der "Autor" Welles ist immer präsent und liefert eine sehr persönliche Kafka-Interpretation mit internationalem Staraufgebot.

ACHTUNG, Zusätzliche Vorstellung:
Montag, 18.12.2002: Allein unter Nachbarn - La Comunidad (LA COMUNIDAD)
Spanien 2000, 106 Min., OmU
Regie: Álex de la Iglesia
Darsteller: Carmen Maura, Eduardo Antuna, Jesús Bonilla
Julia, eine abgetakelte Mittvierzigerin, vermietet Wohnungen für eine Immobilienfirma. In einem ihrer Objekte stößt sie auf eine verweste Leiche und 300 Millionen Peseten. Doch den unverhofften Reichtum aus dem Haus zu schaffen, ist problematisch: Eine skrupellose Meute von Nachbarn hat seit Jahren auf den Schatz spekuliert und ist, von Gier zerfressen, zu allem bereit. Ein pfiffiges, variantenreiches Drehbuch ist die Grundlage dieser furiosen schwarzen Komödie. Regisseur Alex de la Iglesia nutzt gekonnt den beengten Schauplatz, und hält zusätzlich noch Parodien auf "Star Wars" und "Matrix" bereit.

29.1.2003: Ich habe dich nicht um eine Liebesgeschichte gebeten... (CARREMENT À L'OUEST)
Frankreich 2001, 89 Min., OmU
Regie: Jacques Doillon
Darsteller: Lou Doillon, Caroline Ducey, Guillaume Saurrel
Alex, der sich in Paris mit kleinen Drogengeschäften über Wasser hält, begegnet eher zufällig zwei jungen Frauen: der charmanten, selbstsicheren Fred und der einfühlsamen, schüchternen Sylvia. Im Verlaufe einer Nacht inszeniert Fred ein bizarres Spiel der Verführung, in dem auf engstem Raum alle Formen der Liebe durchgespielt werden - bis aus dem Spiel Ernst wird.

5.2.2003: The Limey
USA 1998, 110 Min.
Regie: Steven Soderbergh
Darsteller: Peter Fonda, Nicky Katt, Terence Stamp
Terence Stamp ist "The Limey", wie Amerikaner abschätzig Briten bezeichnen, ein starrsinniger, nahezu seniler Amokläufer. "Easy Rider" Peter Fonda, ebenfalls ein fast vergessenes Relikt der Sechziger, steht als verwelkter Hedonist auf seiner Zielscheibe. Steven Soderbergh entdeckt diese beiden Charaktere in einem handlungsarmen, doch komplexen Thriller wieder. Zwar spielt sein Film in den Neunzigern, ist dennoch retrospektiv den Sechzigern verbunden.
Wie in "Out of Sight", Soderberghs vorheriger Liebesballade, verschachtelt er die Handlung in bis zu vier Erzählebenen. Weit entfernt vom "Ein Mann sieht rot"-Klischee führt er Wilsons blinde Wut ad absurdum, indem er zu allen Geschehnissen wenigstens zwei Sichtweisen präsentiert, die das Selbstverständnis der Figuren untergraben. Keiner der beiden Hauptdarsteller hat eine weiße Weste oder den schwarzen Peter, sie tragen jeweils zur eigenen Situation bei. Beide sind gezwungen ihre Ansichten durch Selbstreflexion zu überdenken.

12.2.2003: The Killing
USA 1956, 83 Min., OmU
Regie: Stanley Kubrick
Darsteller: Sterling Hayden, Colleen Gray, Vince Edwards
Johnny Clay kommt aus dem Gefängnis und plant das nächste große Ding: Zwei Millionen Dollar Wettgeld von der Pferderennbahn sollen es sein. Sein Plan ist perfekt, seine Komplizen nicht.
Das perfekte Verbrechen - der ewige Traum jedes ehrbaren Ganoven. Bevor Stanley Kubrick mit Werken wie "2001: Odyssee im Weltraum" Filmgeschichte schrieb, nahm er sich in seinem in Schwarzweiß gedrehten Frühwerk der Chronologie eines Geldraubes an. Selbst moderne Thriller anderer Regisseure wie "Reservoir Dogs", "The Score" oder "Heist" spielen noch auf das Scheitern eines ausgetüftelten Plans am Zufall des Lebens an.
Auch der mit äußerster Ökonomie erzählte Krimi handelt vom letzten Coup, der nach seiner akribischen Durchführung an einem winzigen Detail scheitert. Der Status Quo siegt, wenn man so will. Da hält sich Kubrick eng an Lionel Whites Vorlage. Überraschungen finden sich zwar wenige, der sachliche Stil Kubricks, dem nichts entgeht, findet sich hier dennoch deutlich wieder.

19.2.2003: Roter Satin (SATIN ROUGE)
Tunesien/Frankreich 2002, 91 Min., OmU, FSK: 16
Regie: Raja Amari
Darsteller: Maher Kamoun, Hiam Abbas, Hend El Fahem
Nicht mehr und nicht weniger als die persönliche Freiheit verhandelt die französisch-tunesische Koproduktion "Roter Satin". Sie zeigt uns Charaktere, die sich entweder nicht trauen, etwas zu sagen, oder solche, die noch nicht wissen, was in ihnen schlummert.
Die Entwicklung der allein erziehenden Mutter von der eingeengten Hausfrau zur Bauchtänzerin in einem Cabaret für Männer ist ein hübsches Sinnbild der persönlichen Befreiung. Im Tanz findet die Frau sich selbst, findet zu ihrem Leben zurück, das sie seit dem Tod ihres Mannes mehr und mehr aufgegeben hatte. Ohne große dramatische Konflikte erzählt der Film vor allem ihre Geschichte, während die Tochter, die in einen Cabaret-Musiker verliebt ist, weniger stark im Zentrum steht. Sie bildet den interessanten Gegensatz zur traditionell eingestellten Mutter, ist Ausdruck eines moderneren Tunesien, in dem auch Parties gefeiert werden und an- gesagte Kleidung getragen wird.

26.2.2003: Weit weg (LOIN)
Frankreich 2000, 120 Min., OmU
Regie: André Techiné
Darsteller: Stéphane Rideau, Gael Morel, Lubna Azabal
Serge ist LKW-Fahrer und regelmäßig zwischen Frankreich und Marokko unterwegs. Sarah führt eine Pension in Tanger und ist die Geliebte von Serge. Als ihr Bruder sie überreden will, ihm nach Kanada zu folgen, gerät sie in große Versuchung - in der Hoffnung, sich endlich aus den ärmlichen Verhältnissen befreien zu können.
Said ist der Laufbursche in der Pension und von der Idee besessen, nach Europa zu fahren und dort ein neues Leben anzufangen. Alle drei sind Freunde. Bis Serge zum ersten Mal bei der Überfahrt Haschisch schmuggelt, um Sarah zurückzugewinnen.

5.3.2003: Bowling for Columbine
USA/Kanada/Deutschland 2002, 122 Min.
Regie: Michael Moore
Darsteller: Charlton Heston, Marilyn Manson, Dick Clark, George W. Bush
"Der Morgen des 20. April 1999 sieht nach einem ganz normalen Tag in Amerika aus. Farmer bestellen ihre Felder, Milchmänner liefern Milchflaschen aus, der Präsident lässt Bomben über einem Land abwerfen, dessen Namen wir nicht einmal aussprechen können" (O-Ton) - und Dylan Klebold und Eric Harris, zwei Jungs in Littleton, Colorado, gehen zu ihrem Bowlingkurs. Was keiner ahnt: Die beiden bowlenden Jugendlichen werden wenige Stunden später das Columbine Highschool Massaker verüben, in dessen blutigem Verlauf 12 Schüler und ein Lehrer den Tod finden und viele Kinder und Jugendliche schwer verletzt werden. Wie eine ironische Spiegelung des Schicksals wirkt der Umstand, dass an diesem Tag die USA ihren stärksten Bombenangriff im Kosovo fliegt.
Mit lakonischem Zynismus geht Regisseur Moore auf eine wahnwitzige Reise in das Herz Amerikas. So lässt er zwei Opfer von Littleton - einer querschnittsgelähmt, der andere invalide mit einer inoperablen Kugel in Aortanähe - in einem symbolischen Akt die in ihren Körpern steckenden Kugeln an die Supermarktkette K-Mart zurückgeben, wo die Täter ihre Munition kauften. Und er konfrontiert Hollywood-Ikone und Waffenaktivist Charlton Heston, den Vorsitzenden der NRA (National Riffle Association), mit dem Bild eines sechsjährigen Mädchens, das von einem gleichaltrigen Mitschüler erschossen wurde.

12.3.2003: 2001 - Odyssee im Weltall (2001: A SPACE ODYSSEY)
Großbritannien 1968, 149 Min., FSK: 12
Regie: Stanley Kubrick
Darsteller: Keir Dullea, Gary Lockwood, William Sylvester
Im Jahr 2001 machen Wissenschaftler eine seltsame Entdeckung: Auf dem Mond befindet sich ein künstlicher schwarzer Monolith, der Signale zu einem Mond des Planeten Jupiter sendet. Ein Expeditionsteam wird zum Jupiter geschickt. Betreut und koordiniert werden die Teilnehmer von dem perfekten Computer HAL 9000. Die Rechenmaschine scheint jedoch im Lauf der Reise einen eigenen Willen zu entwickeln.
Der Film zieht den Betrachter magisch in seinen Bann. Er wirft Fragen auf und lässt der Fantasie des Zuschauers genügend Spielraum, diese individuell zu beantworten. "2001" hat beinah jeden SF Film seither inspiriert, von "Star Wars" bis zu "Matrix". Er wurde aber auch, wie in "Mission to Mars", hemmungslos kopiert. Wer den Film noch nicht gesehen hat, sollte diese Bildungslücke jetzt schließen.

19.3.2003: Bejing Bicycle (SHI QI SUI DE DAN CHE)
China/Frankeich 2000, 113 Min.
Regie: Wang Xiaoshuai
Darsteller: Li Bin, Zhou Xun, Cui Lin, Gao Yuanyuan
Peking heute. Guei, ein 16-jähriger Junge vom Land, kommt mit großen Erwartungen in die Stadt. Er findet Arbeit bei einem Kurierdienst, der ihn einkleidet und ihm ein Fahrrad zur Verfügung stellt: ein neues, silberfarbenes Mountainbike. Sobald er 600 Yuan verdient hat, soll das Rad ihm gehören. Kurz bevor Guei das Geld zusammenhat, verschwindet das Rad. Ein wichtiger Auftrag wird vermasselt und er wird entlassen. Doch Guei bleibt hartnäckig und kann seinen Chef zu einer Vereinbarung überreden: Wenn er das Fahrrad wiederfindet, behält er seinen Job.

26.3.2003: Monster's Ball
USA 2001, 111 Min., OmU, FSK: 16
Regie: Marc Forster
Darsteller: Halle Berry, Billy Bob Thornton, Peter Boyle
Das von Lions Gate Films produzierte Drama hat den hervorragenden Hauptdarstellern Halle Berry und Billy Bob Thornton in den USA einige Auszeichnungen und viele Nominierungen gebracht. Und das völlig zu Recht, denn von ihren Leistungen lebt "Monster´s Ball" besonders. Der schweizerische Regisseur Marc Forster erzählt von einer Familie von Vollstreckungsbeamten im Todestrakt eines Strafgefängnisses im amerikanischen Süden. Großvater Buck Grotowski ist ein egoistisches, herzloses, rassistisches Wrack, sein Sohn Hank (Billy Bob Thornton) steht ihm in Härte kaum nach. Der Enkel Sonny zerbricht am Hass seines Vaters und nimmt sich das Leben. Das bringt Hank zur Besinnung und er beginnt, sein Leben zu überdenken.


Stanley Kubrick - Das gnadenlose Genie ...

Kaum ein Regisseur hat neben Orson Welles mit so wenigen Filmen so viele bedeutende Beiträge zur Filmgeschichte geliefert wie Stanley Kubrick. Nur dreizehn lange Filme hat der amerikanische Filmemacher gedreht - die meisten davon in England, nicht in Hollywood. Wäre es nach seinem Kopf gegangen, wären es sogar nur elf, denn seine ersten beiden langen Filme, FEAR AND DESIRE (1953) und KILLER'S KISS (Der Tiger von New York, 1955) wollte er später nicht mehr gelten lassen und bezeichnete sie - aus heutiger Sicht zu unrecht - als prätentiös und amateurhaft. Und mit SPARTACUS (1960) war Kubrick, der die Regie dieses Films nach Streitigkeiten des Hauptdarstellers und Produzenten Kirk Douglas mit Anthony Mann an dessen Stelle übernommen hatte, sicherlich weit davon entfernt, Kontrolle über das Werk zu haben und damit dem von der Nouvelle Vague proklamierten "Autorenfilmer" nahe zu kommen. Bleiben zehn Filme übrig, mit denen der 1928 als Sohn eines Chirurgen in New York (Bronx) geborene Kubrick zwischen THE KILLING (Die Rechnung ging nicht auf / Killing, 1956) und EYES WIDE SHUT (1999) seinen eigenen Weg in den Olymp des Kinos beschritten hat.
Kein Film Kubricks gleicht einem anderen - in all seinen Beiträgen zu den verschiedenen Genres (zum Film Noir mit THE KILLING, zum Kriegsfilm mit PATHS OF GLORY und FULL METAL JACKET, zur apokalyptischen Groteske mit DR.. STRANGELOVE..., zum Science-Fiction-Film mit 2001 - A SPACE ODYSSEY, zur satirischen Gesellschaftsstudie mit A CLOCKWORK ORANGE, zum Historienfilm mit BARRY LYNDON, zum Horrorfilm mit THE SHINING und zum ewigen Walzer der Liebe mit EYES WIDE SHUT) hat er in dem jeweiligen Sujet durch die Konstruktion seiner ganz eigenen Kubrick-Welt unverwechselbare, teils unerreichte Akzente gesetzt.
Während THE KILLING trotz seiner innovativen und anspruchsvollen Erzählstruktur noch den Charakter einer Fingerübung hatte, war in PATHS OF GLORY (Wege zum Ruhm, 1957), der im Ersten Weltkrieg in Frankreich spielt, bereits deutlich zu sehen, was später zu Kubricks Markenzeichen werden sollte: Nicht einzelne Individuen bewegen sich dort, sondern exemplarische Figuren in einem durchkomponierten Raum. Hier die Generäle, die in der herrschaftlichen Umgebung eines Schlosses einen absolut sinnlosen Sturmangriff auf einen von den Deutschen gehaltenen Dreckhügel befehlen - dort der schmutzstarrende vorderste Schützengraben mit dem Frontkommandeur Dax (Kirk Douglas), der sich für "seine" Soldaten einsetzt, sie aber dennoch ins mörderische Abwehrfeuer führt. Nachdem bereits viele von ihnen im Gefecht ihr Leben verloren hatten, werden danach auf Betreiben des Generalstabs drei Soldaten wegen "Feigheit vor dem Feind" erschossen. Dax schreit den Generälen deshalb seine Verachtung entgegen, doch kann er die Soldaten nicht retten und auch nichts gegen die zynische Logik der mörderischen Militärmaschine ausrichten. Der Film zeigt - wie Andreas Kilb in seinem Beitrag zu einem 1999 erschienenen Buch über Kubrick schreibt - "ein mechanisches Ballett des Todes, in dem jeder auf seine Weise am allgemeinen Wahnsinn teilhat". Gerade weil er sich so konsequent und scheinbar gnadenlos der menschlichen Anteilnahme entzieht ist PATHS OF GLORY einer der eindrucksvollsten Filme zum Thema "Krieg" überhaupt (das Kommunale Kino wollte ihn im Rahmen der Kubrick-Reihe zeigen, es existiert jedoch offenbar keine spielbare Verleihkopie - ein Problem, mit dem wir leider immer öfter konfrontiert werden...).
Die beiden folgenden Filme - SPARTACUS und LOLITA - fallen im Hinblick auf die Ausprägung von Kubricks eigener Ästhetik zurück, gelten als schwächere Arbeiten und haben trotz allem in einzelnen Aspekten unbestreitbare Stärken: In SPARTACUS, der sich mit etwas bösem Willen in das Genre "Sandalenfilm" einreihen lässt, beeindruckt trotz der Orientierung am Mainstream-Kino die Unerbittlichkeit, mit der die herrschenden Militärs im antiken Rom den Sklavenaufstand des Titelhelden und nebenbei auch noch die freilich korrupte Republik eliminieren. In LOLITA, einem achtbar gescheiterten Versuch, Nabokovs Roman zu verfilmen, sind es die Darsteller Sue Lyon als Dolores (Lolita) Hayes, James Mason als Humbert Humbert und vor allem der grandiose Peter Sellers als Humberts dämonisches 'alter Ego' Quilty, die den Film dennoch sehenswert machen.
Mit dem Donnerschlag der tanzenden Atompilze am Schluss von DR.. STRANGELOVE OR: HOW I LEARNED TO STOP WORRYING AND LOVE THE BOMB (Dr. Seltsam oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben, GB 1963) meldete sich nach seinem frühen Erfolg mit PATHS OF GLORY der Meisterregisseur Kubrick zurück. Unter dem Motto "Peace Is Our Profession" sorgen dort durchgeknallte US-Militärs in gründlicher Präzision dafür, dass am Schluss die Erde zerstört wird und selbst die Arche-Noah-Gedankenspiele zum Überleben der sogenannten "Eliten" absurd erscheinen. Kubricks Film beobachtet diese Spinner bei ihrem Treiben mit grimmigem Sarkasmus, bei dem einem freilich das Lachen fast im Hals stecken bleibt, weil seine Figuren trotz allem glaubwürdig und vorstellbar bleiben.
2001 - A SPACE ODYSSEY (2001 - Odyssee im Weltraum, GB 1965-68) ist ein Film, der aus einem bedeutenden Gesamtwerk nochmals weit herausragt und dem Kino Bilder beschert hat, wie sie niemals zuvor auf der Leinwand zu sehen waren. Von der Morgendämmerung der Menschheit führt uns der Film in einer der fulminantesten Bildsequenzen der Filmgeschichte in die nahe Zukunft: Der Tierknochen, mit dem ein Menschenaffe soeben einem Artgenossen den Schädel eingeschlagen hat, taumelt in den vorzeitlichen Wüstenhimmel und verwandelt sich in drei Schnitten in eine zwischen Mond und Erde kreisende Weltraumstation. In 20 Sekunden überwindet Kubrick eine Zeitspanne von 2,5 Mio. Jahren und erzählt im Subtext dieser Sequenz eine logische Folge von der Entdeckung der Aggression und damit der Genese von Macht bis hin zur scheinbar gezähmten Macht einer technologisch hoch entwickelten Welt. Einer Welt, die es offenbar geschafft hat, Drohgebärden und Rituale der Aggression, die im letzten Film konsequenterweise zur Zerstörung der Erde geführt haben, und die zu Beginn dieses Films zu einem "Entwicklungssprung" führten, hinter sich zu lassen. Ein wiederkehrender schwarzer Monolith bildet das geheimnisvolle Bindeglied zwischen den beiden Epochen, in denen der Film spielt und führt uns zu einer verstörenden Reise durch Raum und Zeit, an deren Ende ein Bild steht, dessen spirituelle Kraft viele dem als kalten Perfektionisten geltenden Regisseur niemals zugetraut hätten: Der Astro naut David Bowman schwebt als Embryo - vor seiner Wiedergeburt stehend? - im Weltraum und gegenüber erscheint die Erde in der ansonsten schwarzen Leere. Keineswegs überwunden, sondern als virulent und unserer Gesellschaft immanent erscheint die Gewalt in A CLOCKWORK ORANGE (Uhrwerk Orange, GB 1971), der die Einrichtung der Kubrick'schen Welt auf die Spitze treibt und mit Bildern von schier unerträglicher Intensität und Kälte das Publikum schockierte und faszinierte. Kälte ist es auch, die den wahnsinnigen Jack Torrance am Ende von THE SHINING (Shining, GB 1979) zu einer grotesken Eisskulptur gefrieren lässt, nachdem sich der Schrecken seiner Raserei über weite Strecken des Films in subtilen Andeutungen angekündigt hatte. Niemals hat ein Regisseur in einem Spielfilm so radikal die Innensicht der Persönlichkeitsvernichtung in einem Ausbildungscamp amerikanischer "Elitetruppen" gezeigt wie Stanley Kubrick im ersten Teil FULL METAL JACKET (Full Metal Jacket, GB 1987); doch wieder interessiert Kubrick nicht der einzelne Mensch, sondern das Prinzip, das den Handlungen seiner Figuren zu Grunde liegt und die Beschaffenheit des Raumes, in dem sie sich bewegen. Nach langer Pause und verschiedenen nicht realisierten Filmprojekten (z.B. dem später von Spielberg realisierten "AI-künstliche Intelligenz" oder einer geplanten Verfilmung von Louis Begleys Roman "Wartime Lies" ) drehte Kubrick seinen letzten Film EYES WIDE SHUT (Eyes Wide Shut, GB 1999), nach Motiven aus Artur Schnitzlers "Traumnovelle". Dass sein filmisches Testament gelungen ist, obwohl der Regisseur selbst der Welt schon seit längerem abhanden gekommen war, ist überraschend und spricht für die visuelle Kraft, die dieser zu erzeugen vermochte. Nicht zuletzt durch die herausragende Leistung von Nicole Kidman schafft es Kubrick, eine seltsame Synthese aus den vorhandenen Ingredienzien zu schaffen, die tatsächlich an den "Reigen" seines Vorbildes Max Ophüls heranreicht. Der Versuch, eine Novelle aus dem Wien des Übergangs vom bürgerlichen zum industriellen Zeitalter mit ihren Beschreibungen von ehelichen und außerehelichen sexuellen Obsessionen, über Maskeraden, Nacktheiten und über den Tod auf das New York des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts zu übertragen, ist mutig und gleichzeitig verzweifelt anachronistisch. Mit dem Ergebnis hat Stanley Kubrick zum letzten Mal die ihm eigene Faszination geschaffen: er starb unmittelbar nach dem Ende der Schneidearbeiten.

Spielfilme von Stanley Kubrick (1928 - 1999):

FEAR AND DESIRE (USA 1953, u.a. mit David Allen, Steve Coit, Paul Mazursky)

KILLER'S KISS (Der Tiger von New York, USA 1955, u.a. mit Frank Silvera, Jamie Smith, Irene Kane)

THE KILLING (Die Rechnung ging nicht auf, USA 1956, u.a. mit Sterling Hayden, Coleen Gray, Vince Edwards)

PATHS OF GLORY (Wege zum Ruhm, USA 1957, u.a. mit Kirk Douglas, Ralph Meeker, Adolphe Menjou)

SPARTACUS (Spartacus, USA 1960, u.a. mit Kirk Douglas, Laurence Olivier, Jean Simmons, Charles Laughton)

LOLITA (Lolita, GB 1961, u.a. mit James Mason, Shelley Winters, Sue Lyon, Peter Sellers)

DR.. STRANGELOVE OR: HOW I LEARNED TO STOP WORRYING AND LOVE THE BOMB (Dr. Seltsam oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben, GB 1963, u.a. mit Peter Sellers, George C. Scott, Sterling Hayden)

2001 - A SPACE ODYSSEY (2001 - Odyssee im Weltraum, GB 1965-68, u.a. mit Keir Dulea, Gary Lockwood)

A CLOCKWORK ORANGE (Uhrwerk Orange, GB 1971, u.a. mit Malcolm McDowell, Patrick Magee, Michael Bates)

BARRY LYNDON (Barry Lyndon, GB 1975, u.a. mit Ryan O'Neal, Marisa Berenson, Patrick Magee, Hardy Krüger)

THE SHINING (Shining, GB 1979, u.a. mit Jack Nicholson, Shelley Duvall, Danny Lloyd)

FULL METAL JACKET (Full Metal Jacket, GB 1987, u.a. mit Matthew Modine, Adam Baldwin, Vincent D'Onofrio)

EYES WIDE SHUT (Eyes Wide Shut, GB 1999, u.a. mit Tom Cruise, Nicole Kidman, Sidney Pollack, Leelee Sobieski)


Horst Ebert


Jeweils Mittwoch um 20 Uhr im „CinemaxX“ im K3
Eintritt: EUR 4.50, OmU = Originalfassung mit deutschen Untertiteln.
Vorverkauf ab Dienstag an der Kinokasse, telefonisch unter HN-9190919 oder unter „www.cinemaxx.de“.

Die Filmtexte entstammen auszugsweise, soweit nicht extra vermerkt, von den Seiten "www.spielfilm.de".

Unsere Aktivitäten werden gefördert durch die Stadt Heilbronn sowie die Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg.